Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Erst kommt die Moral, dann das Fressen

Politik / 25.02.2019 • 13:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Hoppla, das ist aber ein geschickter Schachzug von Grünen-Chef Werner Kogler dachte ich mir vergangene Woche, als ich sie sah: Sarah Wiener, die Fernsehköchin und Unternehmerin, die jeder kennt, stürmte da auf die politische Probebühne (Koglers Wunsch-Nummer 2 seiner EU-Liste muss von der grünen Basis noch abgesegnet werden). Aufmunitioniert mit einem abgewandelten Brecht-Zitat („Erst kommt das Fressen, dann alles andere“, immer ein passender Satz) und dem erfreulichen Enthusiasmus der Aktivistin. Durch die Frau an seiner Seite vermeidet Kogler auch gleich, in ein reines Old Boys Club-Rennen mit seinem Ex-Grünen Kontrahenten Johannes Voggenhuber zu geraten.

Und logisch, Häme und komische Fragen an die Neue sind programmiert: Kann die das, darf die das, was weiß die schon? Quereinsteiger müssen sich mit so etwas auseinandersetzen, selten werden sie allerdings so untergriffig verhört wie Wiener. Zum Beispiel im „Kurier“, mit Hilfe anonymer Ex-Stylisten und Ex-Arbeitnehmerinnen als Zeugen, die sie wahlweise als „anstrengend“ oder sehr fordernde Arbeitgeberin beschreiben. Folgerichtige Frage: „Sind Sie schwierig?“ Bitte das mal einen Mann fragen.

Manche Grüne sind gar nicht über die Prominente begeistert, die ihnen einen Listenplatz wegnimmt, an sich ja nachvollziehbar – aber sie zeigen das leider öffentlich: Weniger Show, mehr Inhalte und außerdem ist die bitteschön keine von uns. So kann man Parteichef Kogler auch desavouieren. Doch in dem Fall gilt bei den Grünen aus ihrer Sicht: Zuerst kommt die Moral, dann das Fressen.

„Populismus brauchen die Grünen als außerparlamentarische Opposition wohl auch, um sich in unserer PR-getriebenen Politikwelt bemerkbar zu machen und zu überleben.“

Sarah Wieners Kompetenz interessiert offenbar niemanden. Dass sie eine erfolgreiche Unternehmerin ist und seit vielen Jahren Aufklärungsarbeit in Sachen gesunder Ernährung und ökologischer Lebensweise betreibt, natürlich auch grüne Themen – egal; dass sie sich mit ihrer Kandidatur beim Zustand der heimischen Grünen auf ein ungewisses Abenteuer einlässt (die deutschen Grünen wären anscheinend auch an ihr interessiert gewesen) – genauso egal. Ein gewisser Populismus ist bei Werner Koglers prominenter Kandidatin natürlich miteinkalkuliert. Den brauchen die Grünen als außerparlamentarische Opposition wohl auch, um sich in unserer PR-getriebenen Politikwelt bemerkbar zu machen und zu überleben.

Und ihr Populismus ist jedenfalls harmloser als diese Idee einer Sicherungshaft für potentiell gefährliche Asylwerber, die Innenminister Herbert Kickl jetzt präsentiert. Ein Vorschlag, den auch SPÖ-Politiker wie Hans Peter Doskozil gut finden (er denkt dabei an Asylwerber und Österreicher). „Gefährliche“ Leute schon vor einem Delikt einsperren – pfeifen wir doch auf die altmodische Idee vom Rechtsstaat, alles ist verhandelbar.