Volksabstimmung 1919: Warum der Abspaltungswunsch der Vorarlberger so deutlich ausfiel

11.05.2019 • 08:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
1919 wollte eine Mehrheit der Vorarlberger lieber Schweizer werden. REUTERS

Drei Fragen, drei Antworten mit Zeithistoriker Wolfgang Weber.

Bregenz Genau vor 100 Jahren, am 11. Mai 1919, fand in Vorarlberg eine Volksabstimmung statt: Damals war eine Mehrheit von etwa 81 Prozent der abstimmenden Bürger (47.727) für Anschlussverhandlungen mit der Schweiz, 19 Prozent (11.378) stimmten dagegen. Letztlich blieben die Abspaltungstendenzen erfolglos. Der Dornbirner Zeithistoriker Wolfgang Weber beschreibt im VN-Kurzinterview die unterschiedlichen Erklärungsansätze für das überwältigende Ergebnis der Volksabstimmung. Weber lehrt an den Universitäten Bern, Durham, Innsbruck und Salzburg sowie an den Pädagogischen Hochschulen in Tirol und in Vorarlberg. Aktuell ist er Gastprofessor am Forschungszentrum Sozial- und Wirtschaftswissenschaften der FH Vorarlberg.

Wie ist diese große Zustimmung erklärbar?

Es gibt verschiedene Zugänge. Einerseits die ökonomische Lesart. In der Schweiz fand im November 1918 ein Generalstreik, der Landesstreik, statt. Er führte zwar nicht zur Revolution, die Demokratie blieb bestehen. Aber die Schweizer waren aus diesem Grund sehr schnell bereit, Lebensmittel an die notleidenden Vorarlberger zu liefern. Die Angst war groß, dass es auch im Nachbarland revolutionäre Tendenzen geben könnte. Dadurch wurde die Schweiz in Vorarlberg sehr populär. Der politischen Lesart zufolge könnte das Abstimmungsergebnis überhaupt wegen der Angst vor dem Kommunismus so deutlich ausgefallen sein. Ein auf einem grenzüberschreitenden Austausch basierendes Plakat von Schweizer Christlich-Sozialen warnt eindringlich vor dem Bolschewismus in Europa. Im Fall der dritten Lesart werden ethnische Gründe angeführt. Die „Pro Vorarlberg“-Bewegung argumentierte etwa: Vorarlberger waren schon immer anders, ebenso Alemannen wie die Schweizer.

Weber lehrt unter anderem an den Universitäten Innsbruck und Salzburg. Weber
Weber lehrt unter anderem an den Universitäten Innsbruck und Salzburg. Weber

Kam das Ergebnis für die Schweiz überraschend?

Für jene, die sich im Nachbarland dafür interessiert haben: Ja. Aber davon gab es nicht viele. Werbekomitees in Basel, Bern und St. Gallen wollten eine entsprechende Volksabstimmung auf Schweizer Seite einleiten. Die Grenze dafür lag bei 50.000 Stimmen. Es wurden in zwei Jahren nur 29.132 Unterschriften erreicht. Im Bundesrat wurde das Thema nur wenige Male diskutiert. Das ist schon ein Indikator dafür, dass wenig Interesse bestand.

Wie hat sich denn das Verhältnis zwischen Vorarlberg und der Schweiz nach der Abstimmung weiterentwickelt?

In der Zwischenkriegszeit hat Vorarlberg für die Schweiz kaum eine Rolle gespielt. Ab 1933, der österreichischen Diktatur, bzw. 1938, dem Anschluss an NS-Deutschland, wurde die Ostgrenze schlagartig bedeutsam. Vorarlberg wurde zum Nadelöhr, von dort drohte Gefahr. Bis die Grenze zugemacht wurde, kamen viele Flüchtlinge über Vorarlberg in die Schweiz. Das Verhältnis änderte sich 1945 nach dem Ende der NS-Diktatur. Ab diesem Zeitpunkt war Vorarlberg als Arbeitskräftereservoir spannend, als stille Reserve. Umgekehrt profitierten auch die Vorarlberger. Das Verhältnis wurde immer positiver. Insbesondere die Rheinregulierung spielte eine zentrale Rolle, ebenso die verkehrstechnische Erschließung, wobei sich Vorarlberg, Stichwort S 18, nicht an die Abmachungen hielt. Auch der EU-Beitritt Österreichs wurde als große Chance gesehen: Schweizer Firmen erhielten über kostengünstige Betriebsansiedlungen in Vorarlberg einen Zugang zum europäischen Markt.