Landesrätin Wiesflecker über Geschlechterrollen: „Man sieht eine Veränderung“

16.05.2019 • 15:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Wiesflecker hält den Alleinverdienerabsetzbetrag für antiquiert. VN/HARTINGER

Das Aufbrechen klassischer Rollenstrukturen dauere aber seine Zeit.

bregenz Was die Aufteilung von Familien- und Erwerbsarbeit zwischen den Geschlechtern angeht, tut sich in Vorarlberg einiges, sagt die für Frauenpolitik zuständige Landesrätin Katharina Wiesflecker im Interview mit Politologin Kathrin Stainer-Hämmerle und VN-Redakteurin Magdalena Raos. Gleichzetig sieht die grüne Politikerin noch viel Luft nach oben.

Im Prinzip diskutieren wir seit 30 Jahren über die gleichen frauenpolitischen Themen: Lohnunterschied beziehungsweise Gender Pay Gap und Kinderbetreuungsplätze. Wie oft hat man Ihnen schon Fragen zu diesen Themen gestellt?

Die kommen natürlich immer wieder. Dabei ist die Kinderbetreuung eigentlich ein familienpolitisches Thema, hat für Frauen aber eine große Relevanz. Da ist in Vorarlberg in den letzten viereinhalb Jahren einiges gelungen. Bei den Kinderbetreuungsplätzen gibt es im Ausbau ein Plus von 70 Prozent, in Zahlen sind es 1750 Plätze. Das ist eine beträchtliche Steigerung. Aber da man sieht auch, dass es einen Nachholbedarf gegeben haben muss.

Es gibt Studien, die zeigen, dass die Zahl der Kinderbetreuungsplätze wenig Einfluss auf die Gehaltsschere hat. Diese ist in Vorarlberg im Bundesländervergleich am höchsten.


Da sind wir beim Thema Teilzeit angelangt. Die Erfahrung zeigt: Wenn ausreichend Kinderbetreuungsplätze zur Verfügung gestellt werden, gelingt es, die Erwerbsquote von Frauen zu steigern. Da sind wir im österreichischen Schnitt eher an der Spitze. Aber das Stundenausmaß, mit dem man wieder in den Beruf einsteigt, ist sehr niedrig. Zwar ist in den letzten Jahren die Teilzeit-Wochenarbeitszeit etwas gestiegen. Viele Frauen bleiben aber bei elf, zwölf Stunden- oder im geringfügigen Bereich. Damit verändern sich die Einkommenszahlen nicht.

Was würden Sie sich wünschen, wenn Sie zehn Jahre in die Zukunft spulen könnten?


Zehn Jahre sind relativ kurz bemessen für große Veränderungen. Ein zentraler Punkt ist aus meiner Sicht aber die gerechtere Aufteilung von Erwerbs- sowie Familien- und Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern. Ich bin niemand, der Teilzeit schlechtredet. Aber die Frage ist: Welche Teilzeit will man? Schwierig ist es, wenn die Wochenarbeitszeit so niedrig ist, dass die Arbeit nicht existenzsichernd ist. Dass es anders geht, zeigen Modelle in skandinavischen Ländern.

Aber ist es nicht so, dass Frauen noch immer für die Familienarbeit hauptverantwortlich gemacht werden bzw. sich auch hauptverantwortlich fühlen?


Ich glaube schon, dass die meisten Frauen ihre Rolle nach wie vor so wahrnehmen, und auch dafür zuständig sind. Aber wenn ich mir die jüngere Generation anschaue, dann erlebe ich bereits oft veränderte Familienkonstellationen, in denen auch Männer mehr Verantwortung wahrnehmen wollen. Da sieht man eine Veränderung, aber das geht eben langsam.

Ist Vorarlberg im Vergleich zu anderen Bundesländern konservativer in dieser Frage?

Das Rollenverständnis hat sich hier sehr beharrlich gefestigt und bleibt gefestigt. Das Aufbrechen dieser Rollen ist in Vorarlberg sicher ein längerer Prozess.


Kann das die Politik beschleunigen?

Das betrifft zwar die Bundesebene, aber ich würde den Alleinverdienerabsetzbetrag streichen. Das zielt auf das Bild ab, dass ein Elternteil für das Familieneinkommen aufkommt und das andere für die Familienarbeit.

Stichwort gläserne Decke. Wie könnte man Mädchen und junge Frauen besser auf ihrem Karriereweg fördern?


Wichtig wäre es, sich gemeinsam mit Mädchen anzuschauen: Was will ich und wie komme ich dorthin? Es gibt oft Frauen mit viel Potenzial, die aber nicht genau wissen, wohin sie wollen. Strategische Kompetenzen sind zentral. Da gibt es sicher viel Potenzial. Man könnte einen strategischen Ansatz etwa auch im Bereich der Fortbildungen anbieten.

Ein klassisches Fördermittel ist die Frauenquote. Sie haben sich für eine gesetzliche Quote in politischen Gremien ausgesprochen. Wie könnte man einen Verstoß sanktionieren?


Im Nationalrat haben die Grünen früher einmal den Vorschlag gemacht, die Parteienförderung an eine Frauenquote zu knüpfen. Dafür gab es keine Mehrheit. Ich nehme an, das wird auch weiter keine Mehrheit finden. Ich erlebe aber, dass sich die Einstellung von Männern in Führungspositionen durchaus ändert. Sie schätzen die Qualität gemischtgeschlechtlicher Gremien. Das hat sich auch in der Wirtschaft stärker etabliert.

Denken Sie, dass das mit dem Druck von außen zu tun hat oder kommt das aus innerer Überzeugung?

Eine Mischung, glaube ich. Der Druck von außen ist mittlerweile sicher so groß, dass man sich reine Männerrunden gar nicht mehr erlauben kann. Vielleicht hat das auch mehr Bedeutung als die innere Überzeugung.