Charles Ritterband

Kommentar

Charles Ritterband

Boris, der Schreckliche

Politik / 25.07.2019 • 10:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Boris Johnson, ist, wie zu befürchten war, der neue britische Premierminister. Seine Vorgängerin Theresa May hat während ihrer rund drei Jahre in Downing Street entscheidende Fehler begangen, die nicht zuletzt auf ihre Persönlichkeit zurückzuführen waren. Ihre Tragik ist, dass sie, die doch ursprünglich dem Lager der „Remainer“ angehörend, am Ende als (erfolglose) Brexit-Premierministerin in die Geschichte eingegangen ist. Stur verfolgte sie als Brexit-Hardlinerin das Ziel des EU-Austritts und ist damit kläglich gescheitert. Sie prallte am Widerstand der eigenen Partei ab – und der Konsequenz der EU-Partner. 48 Prozent der Briten hatten in dem schicksalshaften Referendum gegen Brexit gestimmt – heute, nach dem beispiellosen Brexit-Schlamassel, würde wohl eine deutliche Mehrheit für „Remain“ stimmen. Die Briten sind wegen des desaströsten Brexit-Abenteuers gespaltener denn je; May hat nichts zu Einigung und zum Ausgleich unternommen, sie hinterlässt ein Trümmerfeld.

Johnson tritt sein Amt – ebenfalls – als Brexit-Premier an; er gelobt, den Austritt um jeden Preis und notfalls auch ohne Abkommen innert hundert Tagen durchzuziehen. Deshalb ist er jetzt mit großer Unterstützung der (von May enttäuschten) Brexit-Hardliner bei den Tories an die Macht gekommen. Dass er ebenso wie seine Vorgängerin an der Quadratur dieses Zirkels scheitern wird, ist vorprogrammiert. Das Parlament ist klar gegen einen No-Deal-Brexit und aus künftigen Nachwahlen dürfte das Anti-Brexit-Lager bei den Konservativen gestärkt hervorgehen. Und die EU hat deutlich gemacht, dass Brexit-Neuverhandlungen nicht in Frage kämen. Unter Johnson wird sich die Spaltung der Briten zusätzlich vertiefen. Mehr noch: Kürzlich ergab eine Umfrage unter den fanatisierten Tories, dass diese eher einen Abfall Schottlands und Nordirlands in Kauf nehmen würden, als Brexit aufzugeben. Es ist nicht auszuschließen, dass Boris Johnson als letzter Premier des Vereinigten Königreichs in die Geschichte eingehen wird, als Liquidator der britischen Nation – um seiner persönlichen, opportunistischen Machtgelüste willen.

Das einzig Berechenbare an Boris Johnson ist seine Unberechenbarkeit.

Alexander Boris de Pefeffel Johnson – denn so lautet der eigentliche Name dieses in New York geborenen Politikers – ist keineswegs der ersehnte Hoffnungsträger seiner Nation in der tiefsten Krise ihrer gesamten Existenz, sondern schlicht eine Katastrophe. Er tritt sein Amt nicht nur als schwächster Premier aller Zeiten an, sondern auch mit der Aura des unfähigsten und charakterlich instabilsten aller britischen Regierungschefs. Seinen geradezu unfassbaren Mangel an professioneller Seriosität hatte er laut Schilderungen von Journalistenkollegen bereits Anfang der 90er Jahre als EU-Korrespondent des konservativen Daily Telegraph unter Beweis gestellt, indem er – um die britische Anti-EU-Paranoia mit fiktiven Fakten zu füttern – in seinen Berichten groteske Falschmeldungen verbreitete. Das einzig Berechenbare an Boris Johnson ist seine Unberechenbarkeit, das einzig Voraussehbare sein Scheitern.