Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Kontinent im Chaos

Politik / 12.11.2019 • 17:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Österreich ist mit Regierungsbildung, Landtagswahlen in der Steiermark sowie der Auswahl der Kulturhauptstadt beschäftigt. Die EU ist zwischen Brexit und Kommissionsbildung mit sich selbst beschäftigt. Dabei geht das Drama auf einem ganzen Kontinent beinahe unter. Nein, nicht Afrika ist diesmal gemeint. Ausgewogene Nachrichten von diesem vielfältigen Erdteil im Süden erreichen uns ohnehin schon lange nicht mehr. Heute geht es um Lateinamerika.

Evo Morales, Hoffnungsträger der indigenen Bevölkerung, musste nach erdrückenden Vorwürfen des Wahlbetrugs aus Bolivien flüchten. Der langjährige Präsident beugt für den Machterhalt gnadenlos die Verfassung. Asyl gewährt ihm ausgerechnet Mexiko, wo Vertreter des Gesetzes den Kampf gegen Drogenbanden und ihr Parallelregime längst verloren haben. Aus den Nachbarstaaten Guatemala und Honduras setzten Armut und Gewalt eine der größten Flüchtlingswellen in Bewegung, die wiederum Donald Trump für seine Wahlkampagne nutzte.

Für Nicaragua, El Salvador und Teile Ecuadors existieren Teilreisewarnungen. Die zehn Städte mit der höchsten Mordrate weltweit liegen in Mexiko, Venezuela und Brasilien. Die EU hat ihre Sanktionen gegen Venezuela erst vor drei Tagen verlängert und will so politische Stabilität erzwingen. In Kolumbien musste gestern der Verteidigungsminister zurücktreten, weil er einen Militäreinsatz gegen jugendliche Dissidenten befürwortet hat. Der jüngste Tote war zwölf Jahre alt. In Ecuador konnte im Oktober nach elf Tage anhaltenden Unruhen wegen der Erhöhung von Kraftstoffpreisen eine vorläufige Einigung erreicht werden. Zuvor brannte der Rechnungshof, die politischen Eliten schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

Argentinien wählte vor 17 Tagen inmitten einer schweren Wirtschaftskrise ihren Präsidenten ab. Bei einer Inflation von 50 (!) Prozent scheinen die Vorwürfe der Korruption gegen die neue Vize- und Ex-Präsidentin Cristina Kircher beinahe nebensächlich. In Chile brennt ohnehin das halbe Land seit Tagen, bei den Protesten gegen die Regierung wurden bereits 20 Menschen getötet. Präsident Sebastián Piñera ist inzwischen wegen Mord, Folter, sexuellem Missbrauch und illegalen Festnahmen angeklagt. Bleibt für die unvollständige Liste noch Brasilien: Mit Jair Bolsonaro herrscht im fünft bevölkerungsreichsten Land der Erde ein Zerstörer des Regenwaldes, der Demokratie und der Menschenrechte.

Lateinamerika zeigt uns, dass es keine Gewinner gibt, wenn wir gesellschaftliche Gräben nicht überwinden.

Deshalb: Gratulieren wir Bad Ischl zur Kulturhauptstadt ohne Neid und Missgunst. Diskutieren wir über den Brexit ohne große Rachegefühle. Und wünschen wir den Regierungsverhandlern viel Erfolg. Denn Lateinamerika zeigt uns, dass es keine Gewinner gibt, wenn wir gesellschaftliche Gräben nicht überwinden und das gemeinsame Ganze mit unseren Nachbarn aus den Augen verlieren.