Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Die Verachtung: Alte als Witzfiguren

Politik / 09.12.2019 • 18:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Ursula Stenzel hat wieder einmal etwas Arges, nicht sonderlich Schlaues gesagt, diesmal spricht sie in einem Interview mehrfach von „38 Gigabyte CO2-Ausstoß pro Jahr“ – und viele machen ihre üblichen Gags über die 74-jährige FPÖ-Politikerin, zwischen wohligem Entsetzen und billiger Häme. Es ist ja wirklich nicht schwierig, Witze über die nicht amtsführende Wiener Stadträtin zu reißen, die regelmäßig mit höchst problematischen Aktionen auffällt. Zuletzt sprach sie zum Beispiel über „billige Hausafghanen“ oder trat bei den rechtsextremen Identitären auf.

Doch egal, ob Stenzel unter dem Einfluss von irgendetwas steht (wie viele gerne mutmaßen) oder nicht, der Umgang mit der einstigen ORF-Moderatorin, langjährigen ÖVP-Politikerin und heutigen FPÖ-Mandatarin offenbart auch eine gewisse Altenfeindlichkeit. Ein psychologisch interessantes Phänomen aus der Neigungsgruppe Menschenverachtung. Der Umgang mit Stenzel erinnert an jenen mit Frank Stronach, der als Politiker in Österreich sein Glück versuchte. Bis zum Nationalrats-Wahlkampf 2013 als reicher Onkel aus Amerika im Land hofiert, kippte das Spiel mit dem verhaltensauffälligen alten Herrn nach der Wahl. Manche schrieben „Lachnummer“ und „verwirrter Opa“ über ihn, viele fanden das amüsant – als hätte man den Mann nicht allein schon wegen seiner Politik oder dem, was er darunter verstanden hat, mehr als genug kritisieren können. Genauso wie man es bei Stenzel tun könnte.

Der sauft sicher!

Politikmenschen müssen sich am Spielfeld der Öffentlichkeit viel gefallen lassen, das gehört zum Job. Aber selten liest, hört und sieht man so viele gehässige Bemerkungen wie in der Diskussion um die Älteren. Die Verachtung für die Alten tritt gerne dann zutage, wenn ihre Macht nicht mehr groß und der Zenit ihres Einflusses überschritten ist. Das spürte etwa auch Ex-EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Junker, als die FPÖ gegen Ende seiner Laufbahn massiv wegen angeblicher Alkoholprobleme gegen ihn hetzte: Ein Schwächeanfall beim Nato-Gipfel? Nein, der sauft sicher! Übrigens ein besonders scheinheiliger Vorwurf in einem Land wie Österreich, in dem sehr viele Menschen Alkoholprobleme haben. Interessanterweise erleben wir heute als Antithese zur Altenverachtung auch die Ablehnung der Jungen, wie im Fall Greta Thunbergs – also bitte für immer Mitte Dreißig und superfit bleiben, dann ist man ein wichtiges Mitglied der Gesellschaft.

Die Verachtung für die Alten tritt zutage, wenn ihre Macht nicht mehr groß und der Zenit ihres Einflusses überschritten ist.

Eine Öffentlichkeit, in der man Ältere bei Missfallen nicht als geistig verwirrte Figuren aburteilt, wäre wohl zu viel verlangt; oder Parteien, die mehr auf ihre Leute achten und ihnen ein Korrektiv sind. Aber vielleicht einen Gedanken wert, in der Weihnachtszeit.