Ein Ankläger erinnert sich

Politik / 09.04.2021 • 22:39 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Gabriel Bach war stellvertretender Chefankläger. 
Gabriel Bach war stellvertretender Chefankläger. 

Vor 60 Jahren begann der Prozess gegen NS-Verbrecher Adolf Eichmann.

jerusalem Auch 60 Jahre nach dem legendären Prozess gegen den NS-Verbrecher Adolf Eichmann in Jerusalem kann einer der damaligen Ankläger eine bestimmte Zeugenaussage nicht vergessen. Es sind die Angaben des Auschwitz-Überlebenden Martin Földi, an die sich der 94 Jahre alte Gabriel Bach erinnert. Földis Frau, sein Sohn und seine Tochter waren bei der Selektion nach der Ankunft im Vernichtungslager sofort in den Tod geschickt worden. Földi habe sie rasch aus den Augen verloren. Nur die kleine zweieinhalbjährige Tochter habe er noch sehen können – weil sie einen roten Mantel trug. „Dieser rote Punkt, der nun immer kleiner wurde: So verschwand meine Familie aus meinem Leben“, habe Földi damals erzählt. Die Tochter des stellvertretenden Chefanklägers Bach, Orli, war zur Zeit des Prozesses 1961 auch zweieinhalb Jahre alt. Und er hatte ihr kurz zuvor einen roten Mantel gekauft.

„Keinen Ton herausbekommen“

Die Zeugenaussage habe ihm damals die Stimme verschlagen, erzählt der 1927 im deutschen Halberstadt geborene Bach. „Ich konnte plötzlich keinen Ton herausbekommen.“ Der weltweit aufsehenerregende Prozess gegen Eichmann, Hitlers „Spediteur des Todes“ bei der systematischen Judenvernichtung in Europa, dauerte nach dem Auftakt am 11. April 1961 acht Monate und endete mit dem Todesurteil. Mehr als 100 Zeugen wurden im „Haus des Volkes“ in Jerusalem befragt. Während der Angeklagte Eichmann in einem Glaskasten saß, erzählten die jüdischen Opfer von ihren schrecklichen Erlebnissen. Der Prozess gilt als zentraler Auslöser der Aufarbeitung der NS-Verbrechen. „Es gab viele Momente, wo man Herzklopfen bekam“, erzählt Bach. Aber keine Aussage habe ihn so persönlich bewegt wie jene Földis.

SS-Obersturmbannführer Eichmann hatte während der NS-Zeit Millionen Juden in deutsche Vernichtungslager deportieren lassen. Nach dem Krieg konnte der ehemalige Leiter des Judenreferats im Reichssicherheitshauptamt zunächst nach Argentinien fliehen. Am 11. Mai 1960 überwältigten ihn jedoch israelische Agenten und entführten ihn in den jüdischen Staat, um ihn dort vor Gericht zu stellen. Eichmann bekannte sich nicht schuldig und betonte während des gesamten Prozesses, er habe nur auf Befehl anderer gehandelt. Bach sagt jedoch, es habe viele Beweise dafür gegeben, dass Eichmann ein Überzeugungstäter gewesen sei, der seinen Auftrag sogar „übererfüllt“ habe.

Mit Fußtritt zurückbefördert

Bach selbst war elf Jahre alt, als seine Familie aus Deutschland flüchtete. Kurz vor der Reichspogromnacht 1938 reiste die Familie, die in Berlin antisemitische Anfeindungen erlebt hatte, zunächst nach Holland. Der 94-Jährige erinnert sich, dass ein deutscher SS-Offizier ihn nach einem Halt an der Grenze mit einem Fußtritt zurück in den Zug befördert habe. Wiederum kurz vor der deutschen Invasion in die Niederlande 1940 konnte die Familie mit einem Schiff ins damalige Palästina flüchten. Bach studierte in London Rechtswissenschaften und begann 1953 seine Laufbahn bei der israelischen Staatsanwaltschaft.

Eichmann war mitverantwortlich für den Mord an Millionen Menschen.
Eichmann war mitverantwortlich für den Mord an Millionen Menschen.
Während der Angeklagte Eichmann in einem Glaskasten saß, erzählten die jüdischen Opfer von ihren schrecklichen Erlebnissen. AP
Während der Angeklagte Eichmann in einem Glaskasten saß, erzählten die jüdischen Opfer von ihren schrecklichen Erlebnissen. AP