Schweizer Impf-Chef war Entführungsopfer

Politik / 11.04.2022 • 11:36 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Schweizer Impf-Chef war Entführungsopfer
Am Donnerstag gab die Polizei den tödlichen Schusswechsel bekannt. Symbolbild APA

Der Schweizer Impfkommission-Chef wurde vergangene Woche Opfer einer Entführung. Er sagte, es ging nur um Geld, doch es gibt Zweifel.

Zürich Der Präsident der Eidgenössischen Impfkommission, Christoph Berger, bestätige am Sonntag, Opfer einer Entführung gewesen zu sein. Er gab bekannt, sein Kidnapper habe Geld verlangt und ihn bedroht. Der Täter wurde beim Versuch seiner Festnahme von der Polizei im Schusswechsel getötet, die VN berichteten.

Am Donnerstag wurde bekannt, dass ein Deutscher von eidgenössischen Polizisten bei seiner Festnahme das Feuer auf die Beamten eröffneten. Der 38-jährige Täter hatte am Mittwochabend in Wallisellen seine 28-jährige Begleiterin erschossen, bevor ihn die Polizei bei der Verhaftungsaktion tötete. Das ergab eine Untersuchung des Instituts für Rechtsmedizin und des Forensischen Instituts. Beim 38-Jährigen handelt es sich um einen Deutschen, seine Begleiterin war Schweizerin. Der Deutsche besaß diverse Waffen.

Bekannt war, dass der Festnahme eine Entführung vorherging, jedoch keine genaueren Umstände. In seiner “persönlichen Mitteilung” gab sich Berger offiziell als Opfer der Entführung zu erkennen. Den Publikationen des Tamedia-Konzerns hatte das Bezirksgericht Zürich die Namensnennung in einer superprovisorischen Verfügung, wie eine einstweilige Verfügung im schweizerischen Amtsdeutsch genannt wird, verboten.

Opfer äußert sich zur Tat

Die Tamedia-Zeitungen hatten als erste berichtet, dass Berger Opfer einer Entführung geworden war. Die Tamedia-Publikationen brachten Bergers Entführung auch mit dessen Rolle als Impf-Chef während der Covid-19-Pandemie in Zusammenhang. Wie Berger schreibt, widerspricht “dieses Narrativ meinem persönlichen Erleben während der Entführung”. Gleichzeitig seien ihm die “großen emotionalen und gesellschaftlichen Spannungen bewusst, die Impffragen in den letzten beiden Jahren erhalten haben”.

“Gerne” mache er einige Angaben zum Tatablauf, schreibt Berger weiter. Auf Anraten von Polizei und Staatsanwaltschaft lasse er einige Details weg, auch wenn diese “vielleicht interessant sein könnten”.

Gemäß Bergers Stellungnahme hatte ihn der ihm bis dahin unbekannte 38-jährige Täter eine gute Stunde in seiner Gewalt. “Er hat mich in dieser Zeit mit der Forderung eines substanziellen Geldbetrags konfrontiert.” Dazu stieß der Entführer gemäß Berger Drohungen aus, was er mit ihm anstellen werde, sollte der Geldforderung nicht innerhalb einer gesetzten Frist entsprochen werden.

“Es standen also einzig wirtschaftliche Interessen des Täters im Vordergrund”, erklärt Berger in seinem Schreiben. Bezüge zur Rolle als Präsident der Impfkommission machte der Täter demnach nicht. Nachdem Berger dem Entführer zugesichert hatte, die Forderungen zu erfüllen, ließ dieser ihn laufen.

Bitte um Zurückhaltung

Danach setzte sich Berger unverzüglich mit der Kantonspolizei in Verbindung. Diese betreute ihn und die “verängstigte Familie” seither. “Der Schutz meiner Familie stand in dieser Phase und selbstverständlich auch jetzt noch für mich an erster Stelle”, hält Berger fest.

Weiters teilte Berger mit, er werde sich zu der Entführung mindestens bis zum Abschluss des Strafverfahrens nur noch gegenüber den Strafverfolgungsbehörden äußern. Medien gebe er auch dann keine Auskunft, wenn er ihnen im privaten Rahmen oder bei Ausübung seiner beruflichen Tätigkeit begegne. Er bitte darum, seine und die Privatsphäre seiner Familie zu respektieren.

Mit der Bitte verbunden sei, dass Medien seinen Namen und sein Bild nur zurückhaltend verwenden, “auch ohne, dass ich dafür die Gerichte bemühen müsste”. Die Reaktion der Tamedia-Verantwortlichen auf die superprovisorische Verfügung bestärke ihn in dieser Hoffnung.

Festnahme von Maßnahmengegner

Am Donnerstag verhaftete die Polizei in einem Nachbarkanton Zürichs in dem Zusammenhang einen 34-jährigen Schweizer. Die Ermittlungen laufen weiter. Die Schussabgabe durch die Polizei wird ebenfalls untersucht. Das ist in solchen Fällen üblich.

Gemäß dem “SonntagsBlick” handelt es sich beim 34-Jährigen um den Geschäftspartner des Entführers – einen “glühenden Verschwörungstheoretiker”. Dieser zähle zu den Anhängern der Flat-Earth-Theorie. Diese glauben, die Erde sei im Gegensatz zu anderen Himmelskörpern eine Scheibe. Mit entsprechenden Plakaten habe der 34-Jährige auch an Demonstrationen der Maßnahmengegner teilgenommen. Dort habe er auch für eine Webseite geworben, die Verschwörungstheorien sammelt und unter anderem auch den Holocaust leugnet.

In der Schweiz rätselt man daher seit Sonntag, ob Bergers Aufgaben im Pandemiemanagement nicht doch auch eine Rolle gespielt haben könnten. Nach zwei Jahren der Pandemie ist die Stimmung weiter gereizt, vor allem zwischen der Politik und den Maßnahmengegnern. Erst vergangene Woche wurde die Grünen-Klubobfrau Sigrid Maurer körperlich attackiert, sie blieb unverletzt.