Kommentar: Emotionen als einzig verbliebene Währung
Feuchte Augen, die Stimme bricht, der Mann ist ganz gerührt von sich selbst. Norwegens Biathlon-Bronzemedaillengewinner Sturla Holm Laegreid gesteht vergangene Woche nach seinem Einzel bei den Olympischen Winterspielen vor laufenden Fernsehkameras tatsächlich, dass er seine Freundin betrogen hat. „Ich habe es ihr vor einer Woche gestanden. Es war die schlimmste Woche meines Lebens”, sagt der 28-jährige Sportler. Die nunmehrige Ex-Freundin sei die Liebe seines Lebens gewesen, der „schönste und netteste Mensch der Welt”. Sein Ziel sei es, sie mit seiner Offenheit zurückzugewinnen. Was die Frau wenig überraschend ausschließt. Und in der Öffentlichkeit lieber anonym bleiben will, selbst nach seiner ach so tränenreichen Liebeserklärung vor der ganzen Welt.
Ein öffentlicher Gefühlsausbruch als Belästigung, eine Expartnerin, deren Privatleben ungefragt in die Medienmanege gezerrt wird. Laegreids Verhalten ist symptomatisch für eine generelle, unschöne Entwicklung unserer von Social-Media-Plattformen angetriebenen Welt, in der lautstark ausgelebte Emotionen offensichtlich als die einzig verbliebene Währung gelten. So kann man sich darstellen und profilieren, wenn Sachlichkeit nichts mehr zählt, ja von manchen gar als Schwäche betrachtet wird. Wer sein Innerstes nach außen stülpt, wer Intimes preisgibt, wer jede Erzählung als gefühlsintensives Bekenntnis verkauft, gewinnt Aufmerksamkeit – also soziale Anerkennung durch Schamlosigkeit.
Der soziale Tod
Und Aufmerksamkeit ist alles in der „Affekt -und Kulturmaschine“ Internet, das hat der deutsche Soziologe Andreas Reckwitz bereits 2017 in seinem Werk „Die Gesellschaft der Singularitäten“ festgestellt. Letzten Endes führt das sich verselbständigende Spiel mit den großen Emotionen zu dieser Schlussfolgerung: „Nur Sichtbarkeit verspricht hier soziale Anerkennung, während Unsichtbarkeit den sozialen Tod bedeutet.“ Wie erwachsene Menschen, viele davon vernunftbegabt, sich emotional entblößen und herumschreien, nur, um von anderen gesehen zu werden, gehört zum Traurigsten, was man auf Plattformen beobachten kann. Auch wenn man sich ab und zu selbst hinterfragen sollte: Bin ich manchmal auch so peinlich?
Dabei kann die digitale Öffentlichkeit ein Ort für Begegnungen und aufrichtige, positive Gefühle sein, die man miteinander teilt. Diese Qualitäten stellen neben der Teilhabe und Demokratisierung, den großen Versprechen des Internets, noch immer Werte für unsere Gesellschaft dar. Werte, die man nicht nur gegen die Lauten, die Rührseligen und die Distanzlosen, sondern auch gegen die Tech-Giganten verteidigen muss. Sie schüren mit ihren Algorithmen das Feuer der Gefühle, das am Ende ihnen den größten Gewinn bringt.
Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.
Kommentar