Kommentar: Umgang mit Narzissten

VN / 12.02.2026 • 09:00 Uhr
Kommentar: Umgang mit Narzissten

Zu den größten Herausforderungen in der zwischenmenschlichen Kommunikation gehört der Umgang mit Narzissten, auch in der Politik. Täglich erleben wir, wie narzisstische Machthaber mit Freund und Feind umspringen, wie rücksichtslos sie ihre Egozentrik auf Kosten anderer ausleben und wie entwürdigend sie selbst Staatsoberhäupter behandeln. Wir erinnern uns, wie der russische Präsident Putin zu einem Treffen mit der unter Hundephobie leidenden deutschen Kanzlerin Merkel seinen Labrador mitbrachte oder wie er heute seine hohen Besucher ganz am Ende eines langen Tisches platziert. In den USA müssen sich mächtige Politiker Sorgen machen, wie sie die Prozedur im Oral Office am besten überstehen. Werden sie von Trump niedergemacht wie der ukrainische Bittsteller oder schlichtweg ignoriert, indem der Präsident kaum mit ihnen spricht. Bei solch narzisstischen Taktiken geht es immer um Verunsicherung des Gegenübers und Macht, letztlich um Demonstration der eigenen Großartigkeit.

“Bei solch narzisstischen Taktiken geht es immer um Verunsicherung des Gegenübers und Macht, letztlich um Demonstration der eigenen Großartigkeit.”

Das Problem stellt sich nicht nur auf der Weltbühne, sondern auch im persönlichen Bereich. Da fast 2 Prozent der Erwachsenen unter schwerem Narzissmus leiden – Männer übrigens zweimal häufiger als Frauen – und weitere 15 Prozent ausgeprägte narzisstische Züge haben, ist es rein statistisch kaum möglich, mit Narzissten keinen privaten oder beruflichen Kontakt haben zu müssen. Für die „Opfer“ gibt es keine konkreten Verhaltensregeln, aber einige grundsätzliche Empfehlungen: Zunächst soll man versuchen, sich der auf Bewunderungspflicht und Auslösung von Schuldgefühlen abzielenden narzisstischen Aura zu entziehen. Dann gilt es, dem Narzissten die eigenen Ichgrenzen aufzuzeigen, ganz nach dem Motto: „Bis hier her und nicht weiter“. Wichtig ist eine klare und ruhige, Gelassenheit demonstrierende Kommunikation, ohne dabei in Machtspiele einzusteigen. Tritt man zu selbstbewusst auf, kann man sich des narzisstischen Zorns sicher sein. Kuscht man zu sehr, erntet man keineswegs Verständnis, sondern Verachtung. So bewegt man sich auf einem Grat zwischen Anerkennung, die Narzissten in süchtiger Weise brauchen, und nicht Überschreiten ihrer extrem niedrigen Kränkungsgrenze.

Vor diesem Hintergrund haben es die sonst viel geschmähten europäischen Politgrößen mit dem Nato-General an der Spitze richtig gemacht. Zunächst schafften sie bei Trump durch schmeichelndes Verhalten die Basis für weitere Gespräche. Als es im Grönlandkonflikt aber ernst geworden ist, zeigten sie Kante – und waren damit erfolgreich.

Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.