Kommentar: Dynamisch Erinnern
Unser stellvertretender Landtagspräsident Hubert Kinz hat schon recht. Erinnerungskultur sollte dynamisch sein. Sie sollte, wie schon Landeshauptmann Martin Purtscher in seiner Eröffnungsrede des Jüdischen Museums 1991 feststellte, auch weh tun, wo es nötig ist. Und sie muss immer neue Fragen stellen.
Hubert Kinz hat uns alle, wenn auch wohl etwas unglücklich, daran erinnert, dass unsere Erinnerungskultur in Vorarlberg Lücken aufweist. So scheint es notwendig zu sein, sich neben Holocaust und Antisemitismus auch einmal mit den rassistischen Traditionen des Landes zu beschäftigen.
Zum Beispiel hat das Land offenbar vergessen, wer es 1945 befreit hat. Es waren marokkanische Gebirgsjäger, französische Kolonialtruppen, die sich von Italien durch Frankreich und Süddeutschland hindurchgekämpft haben, um den Vorarlbergern die Freiheit wiederzugeben. Vielleicht sahen das nicht alle so. Offenbar ist sich auch Hubert Kinz nicht ganz sicher, ob er den Marokkanern dafür dankbar sein soll, die Nazis los zu sein.
Die Nazis waren es, die den Vorarlbergern 1945 noch den letzten „Durchhaltewillen“ herauspressten, in dem sie vor den marokkanischen Soldaten warnte, die da über unsere „Damen“ herfallen würden. Als sie dann da waren, die marokkanischen Gebirgsjäger, haben sie sich überraschenderweise fast alle ausgesprochen freundlich aufgeführt. Einige Ausnahmen gab es, und die französische Militärverwaltung schritt in solchen Fällen rigide ein.
Die Anfang 1945 noch herbei fantasierten marokkanischen Massenverbrechen, die Hubert Kinz im Vorarlberger Landtag in alter (wenn auch strafbarer) Tradition der Holocaustverharmlosung als „nicht weniger schlimm“ als den Holocaust bezeichnete, sie fanden gar nicht statt. Aber etwas anderes, gänzlich unerhörtes. Nämlich Liebe, oder jedenfalls romantische Abenteuer. Und die hatten lebendige Konsequenzen. Die nun ihrerseits unter dem massiven Rassismus zu leiden hatten, der sich gegen die Frauen und ihre Kinder richtete, die dem arischen Reinheitsgebot widersprachen, das offenbar auch Hubert Kinz bis heute umtreibt. Denn diese Liebe zwischen „Afrikanern“ und „unseren Damen“ ist wohl das Verbrechen, das er meint.
Er hat sich übrigens, auch wenn unser Landeshauptmann diese Fantasie in die Welt gesetzt hat, bis heute mit keiner Silbe dafür entschuldigt. Er hat lediglich mitgeteilt, dass er gegen den Holocaust sei, also „nicht dafür“, 6 Millionen Juden und ein paar Hunderttausend Sinti und Roma zu ermorden. Da bin ich ja beruhigt.
Hanno Loewy ist Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems.
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