“Es könnte zu einer chaotischen bürgerkriegsähnlichen Situation kommen”

Politik / 03.03.2026 • 15:47 Uhr
"Es könnte zu einer chaotischen bürgerkriegsähnlichen Situation kommen"
Thomas Schmidinger arbeitet an der Universität in Erbil, Irak. AFP, Privat

Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger sieht wenig Anzeichen für einen Regime-Wechsel im Iran. Die Opposition sei zu stark gespalten. Stattdessen drohe Chaos.

Erbil, Schwarzach Der Vorarlberger Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger arbeitet derzeit an der Universität in Erbil im Irak. Auch der Flughafen in Erbil ist Ziel von Angriffen des Iran und von mit dem Iran befreundeten irakischen Milizen. Im VN-Interview analysiert Schmidinger die aktuelle Situation im Nahen Osten. Er warnt vor einem Bürgerkrieg im Iran, hegt keine großen Hoffnungen in den Schah und erzählt, wie sich das Leben in Erbil verändert hat.

Wird das iranische Regime diesen Krieg überleben?

Schmidinger Das Ziel der USA ist nicht der Regime Change. Für einen Regime Change von außen würde es für den Iran mindestens 500.000 bis eine Million Bodentruppen benötigen. Ich sehe nicht das geringste Anzeichen dafür. Mit bloßen Militärschlägen ist Regime Change nicht möglich. Auch nicht mit Enthauptungsschlägen.

Also reicht es nicht, die Führung zu eliminieren?

Schmidinger Der Iran ist keine personalisierte Diktatur. Er ist nicht Venezuela oder Russland. Wenn Putin tot ist, ist Russland nicht mehr das Russland, das es vorher war. Der Iran hat hingegen ein autoritäres System, das stark auf Strukturen aufbaut und dadurch einzelne Akteure ersetzen kann. Selbst Ali Chamenei. Natürlich war das ein schwerer Schlag für den Iran. Aber man hat dem 87-jährigen Mann vielleicht sogar den Erfolg gegönnt, ein paar Monate vor seinem Ableben als Märtyrer in die Geschichte eingehen zu können. Anders als in einer personalisierten Diktatur wird der Iran durch seinen Tod nicht zusammenbrechen.

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Der Iran bombardiert die umliegenden Staaten. Geschieht das wahllos?

Schmidinger Ich erlebe das hier ja gerade direkt in Erbil. Der militärische Angriff war sehr gezielt auf amerikanische Einrichtungen, also auf das Konsulat und den Flughafen, auf dem auch amerikanische Truppen sind. Diese Angriffe waren nicht wahllos. Bei den Angriffen auf die Emirate und Katar steckt wohl das Kalkül dahinter, diese engen Verbündeten der Amerikaner dazu zu bringen, auf Trump einzuwirken. Im Moment sieht es aber eher danach aus, dass der Iran die sunnitischen arabischen Staaten gegen sich aufbringt.

Wie könnte sich die Region verändern?

Schmidinger Wenn es bei einem Krieg ohne Bodentruppen bleibt, würde das Regime zwar geschwächt, überlebt aber. Es könnte auch zu einer chaotischen bürgerkriegsähnlichen Situation kommen. Mit bewaffneten oppositionellen Gruppen, die sich vielleicht Territorien sichern, womit das Regime regionalpolitisch zwar noch mehr Einfluss verlieren würde. Es wäre aber auch nicht das Ende des Regimes. Der Regime Change ist auch unwahrscheinlich, weil die iranische Opposition so gespalten ist. Es gibt kein gemeinsames Projekt.

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Was ist mit Reza Pahlavi, dem Sohn des Schah?

Schmidinger Der Iran, den sich er vorstellt, ist anders als der Iran, den sich Kurden oder Belutschen vorstellen.

Wie groß ist der Rückhalt für ihn in der Bevölkerung?

Schmidinger Das ist wahnsinnig schwer einzuschätzen. Der Rückhalt ist unter Auslandsiranern sicher größer. Im Iran ist er definitiv keine Integrationsfigur, sondern jemand, der die Opposition stark spaltet und polarisiert. Er ist für viele Gruppen auch ein Feind, etwa eben für Kurden und Belutschen, aber auch für iranische Linke und Linksislamisten. Einige Liberale können sich vielleicht vorstellen, dass er als Übergangsfigur nützlich wäre.

Droht eine Situation wie im Irak nach 2003?

Schmidinger Schlimmer, weil der Iran wesentlich mehr potenzielle Spaltungslinien hat. Nur die Hälfte der Bevölkerung sind Perser. Es gibt große ethnische Minderheiten, die eigene autonomistische bis separatistische Projekte verfolgen. Bei den Belutschen gibt es ein Problem mit sunnitischen Dschihadismus. Sie sind im Südosten des Landes, angrenzend auch an Pakistan und Afghanistan. Sollte es wirklich zu einer Destabilisierung des Landes kommen, wär es mindestens so schlimm wie im Irak. Darum preschen auch die Nachbarstaaten nicht vor. Sie sind zwar mit der Führung verfeindet, aber ein Staatszerfall mit Millionen von Flüchtlingen wäre ein Horrorszenario.

"Es könnte zu einer chaotischen bürgerkriegsähnlichen Situation kommen"
Blick von Schmidingers Balkon auf das attackierte US-Munitionsdepot auf dem Flughafen Erbil.

Wie groß ist der Rückhalt für das aktuelle Regime in der Bevölkerung?

Schmidinger Es gibt Menschen, die das Regime hassen und jene, die davon profitieren und es unterstützen. Das ist eine gefährliche Mischung, die eher in Richtung Bürgerkriegsszenarien deuten würde. Wir dürfen nicht vergessen, dass das Regime aus einem riesigen Apparat besteht, viele Menschen arbeiten dafür. Was fehlt, ist eine große Mitte, die hofft, dass sich das Regime vielleicht weiterentwickelt und mäßigt. Diese Mitte gibt es nicht mehr, die Hoffnung hat sich durch die Massaker im Jänner für viele zerschlagen.

Sie sind derzeit in Erbil im Irak. Wie geht es Ihnen?

Schmidinger Mir geht es gut. Die Universitäten sind wie die Schulen geschlossen, wir können also nicht unterrichten. Viele internationale Studenten sind abgereist. Ich treffe mich mit meinen Dissertanten jetzt eben im Kaffeehaus statt an der Universität und arbeite zu Hause weiter. Solange man amerikanische Einrichtungen meidet, geht das Leben weiter. Ich wohne nur etwas zu nah am Flughafen und wache auf, wenn er bombardiert wird. Wie diese Nacht um 3 Uhr Früh wieder, als es Angriffe gegeben hat. Aber mein größtes Problem derzeit ist wohl, dass meine Katze bei jedem Einschlag in Panik verfällt.

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