Eine Tunnelpatin zum Weltfrauentag

Einen wunderschönen Freitag!
Zählen Sie zu jenen, die den Weltfrauentag nutzen, um die Schieflagen unserer Gesellschaft auszuleuchten? Oder gehören Sie zur Fraktion „Nicht schon wieder“, weil Ihr freiwillig gewähltes Lebensmodell reflexhaft als konservativ und rückständig etikettiert wird? Verstehen Sie diese Fraktion nicht und machen aus einem Weltfrauentag eine ganze Weltfrauenwoche, weil die Zahlen seit Jahren eindeutig sind? Oder rollen Sie innerlich mit den Augen, wenn Binnen-I und Sternchen debattiert werden, während Sie vor Gericht mit Ihrem Ex-Mann um Alimente ringen? Werden Sie wütend, wenn jemand sagt: „Aber die Männer“? Und überhaupt: Was ist eigentlich mit den Männern? Und mit Tunnelpatinnen?
Ich habe heute eine gesehen. Eine echte Tunnelpatin. Sie heißt Julia Bitschi, Ehefrau von Landesstatthalter Christof Bitschi. Sie durfte die heilige Barbara auf Erden vertreten, zündete die Platzpatronen und stellte eine vom Generalvikar gesegnete Statue in den Schrein. Ich kannte diesen Brauch nicht. Man lernt nie aus.
Offenbar ist es Usus, dass Tunnelbaustellen geistlichen Beistand brauchen. Genauer gesagt: weiblichen Beistand. Barbara muss eine Frau sein. Der Haken: Oft ist es eine „Frau von“. Diesmal die Frau von Christof Bitschi. Beim Erkundungsstollen Tisis war es die Gattin des Bürgermeisters, Ingrid Matt. Beim Achraintunnel jene des Schwarzacher Bürgermeisters, Imelda Leite. Zweite Röhre des Ambergtunnels, Tschambreutunnel in Gaschurn: wieder die Frau des Bürgermeisters. Beim Pfändertunnel: Angelika Rein, Frau des Landesrats. Und für den Tunnelbau des Obervermuntwerks 2 holte man sich gleich die First Lady, Sonja Wallner. Es geht auch anders: Beim Erkundungsstollen Altenstadt übernahm Ortsvorsteherin Elisabeth Pucher selbst. Endlich jemand mit einer anderen Funktion als “die Frau von”.
Die Tunnel-Folklore hatte allerdings ein anderes Hauptthema: die bösen Gegner, die bremsenden Gesetze, die Bürokratie. Projektleiter Bernhard Braza sprach das UVP-Verfahren an und übersetzte die Abkürzung trocken mit „Unglaublich viel Papier“. Ein Satz, der viel über das Verständnis mit den Regeln des eigenen Arbeitgebers aussagt. Auch ich habe mich diese Woche mit Bürokratie beschäftigt und Beispiele ausgegraben, die nicht nur skurril wirken, sondern Menschen regelrecht gängeln. Die Reaktionen waren zahlreich, meist zustimmend. Aber es kam auch der Hinweis: Bürokratie sei notwendig.
Natürlich ist sie das. Zusammenleben braucht Regeln. Sonst gewinnt der Lautere, nicht der Kleinere. Wer schützt Nachbarn, wer achtet auf Brandschutz, wer bewahrt Ortszentren vor architektonischer Beliebigkeit? Um eine abgenutzte Phrase zu bemühen: Die Dosis macht das Gift. Bürokratie ist notwendig. Aber sie muss verhältnismäßig sein und nachvollziehbar. Wenn ich mehr als 200 Euro zahle, nur weil ich von Altach nach Hohenems ziehe und mein Auto ummelde, dann läuft etwas schief.
Bei der symbolischen Tunnelsprengung ist nichts schiefgelaufen. Die Patin war erfolgreich. Wir können uns also wichtigeren Fragen widmen. Zum Beispiel der drohenden Altersarmut von Frauen – ohne jenen Naivität zu unterstellen, die ihre Zeit lieber beim Kind als an der Supermarktkasse verbringen. Oder der Frage, warum gleicher Lohn für gleiche Arbeit bei gleicher Qualifikation und Leistung noch immer diskutiert wird. Der bereinigte Gender-Pay-Gap liegt in Österreich bei sechs Prozent.
Und wie schaffen wir es, Familienarbeit so attraktiv zu gestalten, dass Frauen und Männer sich gleichermaßen zuständig fühlen? Und dies gerne tun? Teilzeit ist nicht nur Karriereknick, sondern auch wertvolle Familienzeit. Vielleicht sollten wir uns von der Illusion verabschieden, Kinder hätten keine Auswirkungen auf Beruf und Freizeit. Sie haben sie. Die entscheidende Frage ist: Wen treffen sie stärker? Und warum fast automatisch die Mutter?
Die Debatten am Weltfrauentag sind ungefähr so nachhaltig wie Rosen am Valentinstag: ein symbolischer Akt, pflichtschuldig absolviert, danach kehrt wieder Ruhe ein. Doch weder Liebe noch Gleichberechtigung funktionieren im Jahresabo mit einmaliger Einzahlung. Ein Tropfen höhlt den Stein nicht durch Einmaligkeit, sondern durch Beharrlichkeit.
Eigentlich wollte ich heute über die schleichende Banalisierung der politischen Debatte schreiben. Über ihre zunehmende Plumpheit, ihre Oberflächlichkeit, ihre Lust an der einfachen Botschaft. Von Herbert Kickls Auftritt in der „ZiB 2“ bis zu den irritierenden Aussagen der Pressesprecherin des Weißen Hauses – von Donald Trump ganz zu schweigen. Und von Pete Hegseth, der das Verteidigungsministerium in „Kriegsministerium“ umbenannte. Wo sind wir da eigentlich gelandet?
Aber ich habe mich für den Weltfrauentag entschieden. Weil Weltfrauentag ist. Obwohl ich damit genau das tue, was ich zwei Absätze weiter oben kritisiere.
Nicht konsequent. Aber immerhin bemüht.
Herzlichst,
Michael Prock
Leiter VN-Politikredaktion
Dieser Text erschien im wöchentlichen Politik-Newsletter von VN-Politikchef Michael Prock. Sie können das “VOL.at Hinterzimmer” und weitere Newsletter hier abonnieren: www.vol.at/newsletter