Michael Prock

Kommentar

Michael Prock

Symptome streicheln statt Präventionsarbeit

Politik / 25.03.2026 • 15:53 Uhr

Wer sich im privaten Umfeld umhört, hört es husten, schnupfen, krächzen: Viren haben Hochkonjunktur. Gegen sie ist man weitgehend machtlos. Man lindert Symptome, bremst die Ausbreitung und hofft, dass der Körper den Rest erledigt. Prävention würde helfen, doch sie kommt meist zu spät.

Auch die Welt hat sich infiziert. Und die Politik behandelt – wieder einmal – nur die Symptome. Von Vorsorge hält sie wenig.

Das Virus trägt den Namen Iran-Krieg. Hervorgerufen von mächtigen Männern, die sich gründlich verkalkuliert haben. Was als lokaler Entzündungsherd begann, hat sich längst zu einer systemischen Erkrankung ausgeweitet. Erste Organe zeigen Ausfallerscheinungen. Mitteleuropa, auch Österreich, funktioniert noch – aber die Symptome sind unübersehbar: Treibstoffpreise explodieren, Energie verteuert sich, und die Wirtschaft verliert den letzten Rest an Zuversicht. Kaum hatten sich die Menschen an die hohen Preise im Supermarkt und im Gasthaus gewöhnt, rollt schon die nächste Teuerungswelle an.

Der erste Weg eines Kranken führt zum Arzt. In diesem Fall zur Regierung. Mangels Einfluss im Nahen Osten konzentriert sie sich folgerichtig auf das, was sie erreichen kann: die Symptome im Inland. Vor allem auf jenes, das am lautesten schreit – den Spritpreis.

Kein Wunder. Die Postfächer der Politikerinnen und Politiker quellen über. Kaum ein Thema emotionalisiert stärker als der Preis an der Zapfsäule. Also greift die Politik ein. Ergebnis: eine rechnerische Entlastung von zehn Cent. Bei Preissprüngen von 40 Cent binnen kurzer Zeit – und mit weiter steigender Tendenz – wirkt diese Maßnahme in etwa so überzeugend wie ein Zuckerkügelchen gegen eine ausgewachsene Grippe.

Doch der Placebo-Effekt ist mächtig. Das weiß auch die Politik. Sie beruhigt, sie signalisiert Handlungsfähigkeit – oder zumindest deren Simulation. Denn im politischen Diskurs ist es längst verpönt, einzugestehen, dass sich manche globalen Entwicklungen nicht mit heimischem Aktionismus aufhalten lassen. Schon gar nicht von Österreich aus. Diese Erwartung hat die Politik selbst geschaffen. Mit jeder inszenierten Tatkraft wächst die Hoffnung – und mit ihr die Enttäuschung, wenn die Wirkung ausbleibt.

Dabei wäre Prävention der einzige nachhaltige Ausweg aus diesem Kreislauf. Doch in der politischen Praxis spielt sie kaum eine Rolle. Der Ausbau erneuerbarer Energie wird gebremst, das Verbrenner-Aus aufgeweicht, der Ausbau des öffentlichen Verkehrs auf die lange Bank geschoben. Dabei wären Sonnen-, Wind- und Wasserkraft immun gegen geopolitische Fieberanfälle rund um die Straße von Hormus. Statt klarer Regeln leistet sich Österreich unverbindliche Klimaziele. Die Regierung greift lieber zu Vitamingummibärchen, statt die Angebote auszubauen.

Warnsignale gab es genug. Zuletzt der russische Angriff auf die Ukraine, der schon vor Jahren einen Energiepreisschock ausgelöst hat. Doch Vorsorge blieb aus. Das gilt für viele Krisen: Sind wir auf eine Pandemie vorbereitet? Auf eine Flüchtlingsbewegung? Auf den rasanten Vormarsch der künstlichen Intelligenz? Auf militärische Bedrohungen?

Die Regierung hat darauf keine Antworten. Sie wartet – und versucht dann, den herannahenden Feind mit Globuli aufzuhalten.