Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Kommentar: Jugend, Frauen, Politik

Politik / 30.03.2026 • 07:15 Uhr

Vertraut unsere Jugend der Politik? Die Antwort ist ernüchternd: Das Vertrauen der 16- bis 26-Jährigen ist niedrig – und es sinkt deutlich. Das zeigt eine aktuelle Studie des Meinungsforschungsinstituts Foresight. Der Anteil jener jungen Menschen, die sich vom Parlament gut vertreten fühlen, ist seit 2018 von knapp 66 auf 32 Prozent gefallen. Das Vertrauen in die Bundesregierung liegt bei 37 Prozent. Gleichzeitig bleibt die Zustimmung zur Demokratie hoch (89 Prozent), und 70 Prozent geben an, wählen zu gehen. Von Politikverdrossenheit kann also keine Rede sein. Aber: Die Jungen glauben der Politik zu wenig. Sie erleben sie als zu fern, zu langsam, zu wenig verständlich. Was sie sich wünschen, ist klar: mehr Mitsprache, mehr Ehrlichkeit, mehr konkrete Lösungen.

Doch wie steht es um Mitsprache tatsächlich? Formal ist man ab 18 wählbar. Faktisch sitzt mit Sebastian Schwaighofer (FPÖ, Jahrgang 2000) derzeit nur ein einziger Vertreter der Altersgruppe 18 bis 25 im Nationalrat. Laut Momentum Institut liegt der Anteil der Unter-30-Jährigen bei gerade einmal drei Prozent – ihr Bevölkerungsanteil ist deutlich höher. Bei ÖVP und Grünen ist niemand aus dieser Altersgruppe vertreten, bei FPÖ, SPÖ und NEOS nur wenige. Ein Vergleich macht die Schieflage sichtbar: Acht Prozent der Nationalratsabgeordneten kommen aus Land- und Forstwirtschaft – also fast dreimal so viele wie junge Menschen. Und Vorarlberg? Im Landtag ist mit Fabienne Lackner (NEOS) lediglich eine Abgeordnete unter 30. Der Anteil dieser Altersgruppe liegt also bei 2,8 Prozent. Demgegenüber stehen über zehn Prozent Abgeordnete aus der Land- und Forstwirtschaft. Das sagt viel über parteiinterne Strukturen – und wenig über die tatsächliche Lebensrealität.

Warum sind Junge so unterrepräsentiert? Kandidaturen entstehen meist in parteiinternen Hierarchien, durch jahrelange Gremienarbeit. Für viele Junge wirken Parteien jedoch wie abgeschlossene Systeme. Sie treten gar nicht erst ein. Gleichzeitig trauen Parteieliten jungen Kandidaten oft zu wenig Erfahrung zu. Der Einstieg müsste früher beginnen: auf Gemeindeebene. Jugendparlamente mit echten Kompetenzen, konkrete Projekte, bei denen Mitwirkung Wirkung zeigt. Wer erlebt, dass Engagement etwas bewirkt, bleibt dabei. Ein Blick auf eine andere Gruppe zeigt, dass das Problem strukturell ist: Frauen. Die Politologin Kathrin Stainer-Hämmerle (FH Kärnten) hat im Auftrag des Gemeindebundes die Rolle von Frauen in der Kommunalpolitik untersucht – mit ernüchterndem Ergebnis. Bürgermeisterinnen stellen nur 11 bis 12 Prozent, in Gemeinderäten liegt der Frauenanteil bei 27 Prozent. Die Lokalpolitik ist klar männerdominiert. Diese Schieflage setzt sich fort: In Landtagen und Nationalrat liegt der Frauenanteil bei rund einem Drittel – mit einer Ausnahme: Vorarlberg erreicht mittlerweile 50 Prozent. Die Studie zeigt: Es fehlt nicht an Interesse. Frauen berichten von höherer Belastung, mehr persönlicher Kritik und strukturellen Hürden – etwa bei der Vereinbarkeit von Familie und Politik oder durch männlich dominierte Parteikulturen. Entsprechend streben sie seltener Spitzenämter an. Fast die Hälfte der befragten Vizebürgermeisterinnen will nicht Bürgermeisterin werden. Zugleich bringen Frauen nachweislich andere Themen und Perspektiven in die Politik ein.

Das Fazit ist eindeutig – und gilt für Junge wie für Frauen: Engagement ist vorhanden. Doch Strukturen, Auswahlmechanismen und politische Kultur bremsen den Aufstieg. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob sich mehr Menschen engagieren wollen. Sondern: Ob die männlich dominierte Politik bereit ist, ihnen wirklich Platz zu machen.

Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.