Christian Rainer

Kommentar

Christian Rainer

Budapest. Bregenz. 698 Kilometer.

Politik / 10.04.2026 • 15:52 Uhr

Budapest ist von Bregenz 698 Kilometer Luftlinie entfernt. Das ist auf der Landkarte eine lange Strecke, in der politischen Wirklichkeit Europas aber eine beklemmend kurze. Denn was an diesem Sonntag in Ungarn gewählt wird, ist nicht bloß ein Parlament. Es ist die Antwort auf die Frage, ob Europa sich noch gegen seine inneren und äußeren Zerstörer wehren kann.

Man kann die Bedeutung dieser Wahl gar nicht überbetonen. Viktor Orbán hat Ungarn in sechzehn Jahren nicht einfach regiert, sondern umgebaut: zu einer Wahldemokratie mit autoritärem Maschinenraum, zu einem Staat, in dem die Fassade noch pluralistisch wirkt, während dahinter Medien geschniegelt, Institutionen gefügig und die Machtverhältnisse auf Dauer gestellt wurden. Ungarn ist in der Europäischen Union damit nicht einfach der Problemfall. Es ist ihr bösartiges Geschwür, ihre Innenvergiftung, ihr Rechtsstaatsfresser mit Nationalfahne.

Der Befund wird schon durch die Unterstützerliste ausreichend unerquicklich. Da wäre Wladimir Putin, der ukrainische Städte in Schutt schießen lässt und die europäische Friedensordnung mit dem Charme eines Brandbeschleunigers behandelt. Und da wäre Donald Trump, der aus der amerikanischen Demokratie ein Egolabor macht, in dem Institutionen nur mehr gelten, solange sie ihm nützen. Dass Putins Russland und Trumps Amerika denselben Mann in Budapest halten wollen, ist kein Zufall. Es ist die präziseste Wahlempfehlung gegen Orbán. Wenn die Feinde der liberalen Ordnung sich auf einen Lieblingsverbündeten einigen, muss man über dessen politische Funktion nicht mehr lange rätseln.

Orbán ist ihr Mann in der EU. Der Sabotagekünstler. Der Vetobluffer. Der Europa-Auszehrer im Maßanzug. Einer, der von Brüssel Geld nimmt und gegen Brüssel hetzt. Einer, der die Vorteile der Union kassiert und ihre Grundlagen verächtlich macht. Einer, der sich als Souveränitätsheld verkleidet, tatsächlich aber die Abhängigkeit von Moskau gepflegt und die europäische Einigkeit systematisch unterminiert hat.

Demgegenüber steht Péter Magyar. Ausgerechnet ein Mann, der aus dem System kommt, könnte nun das System sprengen. Das ist die vielleicht schönste Ironie dieser Wahl. Magyar ist kein Revoluzzer aus der Folkloreabteilung, sondern ein Ex-Insider, der die Scharniere der Macht kennt, ihre Schmutzränder, ihre Erpressbarkeiten, ihre Korruptionsrituale. Er ist nicht Europas Heilsbringer. Aber er ist die erste reale Chance seit Jahren, Orbán aus dem Amt zu befördern.

Warum ist das für Vorarlberg, für Österreich, für jeden Europäer wichtig? Weil Europa, bei allen Schwächen, bei aller Brüsseler Blechbläserei und Regulierungsprosa, der letzte große Schutzraum jener politischen Zivilisation ist, die nach 1945 mühsam aufgebaut wurde: Rechtsstaat, Gewaltenteilung, unabhängige Gerichte, freie Medien, Minderheitenschutz, Bindung der Macht an Regeln statt an Laune. Während Amerika unter Trump an sich selbst herumsägt und anderswo die Autokraten wieder in die Herrensessel kriechen, bleibt die Europäische Union der letzte brauchbare Stronghold der westlichen Freiheitsidee.

Und Österreich? Auch hier hat Orbán seine freundlichen Flüsterer. Die FPÖ sowieso. Und Sebastian Kurz, der den ungarischen Autoritären immer wieder mit einer Mischung aus Opportunismus und Prinzipienmagerei behandelte, als sei Orbán nur ein etwas rustikaler Cousin und nicht ein Demokratieabbauer in Serie.

Am Sonntag stimmt Ungarn daher nicht nur über Ungarn ab. Es stimmt darüber ab, ob Europa sich seine Sprengmeister noch länger leisten will. Ob das Geschwür weiter eitern darf. Oder ob die Ungarn den Mut finden, diesem Orbánismus den Garaus zu machen.