Jeder Fünfte armutsgefährdet

Hilfsorganisationen warnen vor einer Verschärfung der Lage durch zusätzliche Kürzungen.
SCHWARZACH. Die Schere zwischen Arm und Reich habe sich im vergangenen Jahr „deutlich weiter geöffnet“, sagt Caritas-Direktor Walter Schmolly: Beim untersten Zehntel der Haushalte habe sich das verfügbare Einkommen besonders schlecht entwickelt. Tatsächlich ist es gerade in Vorarlberg sehr niedrig geblieben. Schmollys Aussage stützt sich auf Ergebnisse einer Erhebung, die die Statistik Austria jährlich durchführt.
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Alles in allem ist der Anteil der armuts- oder ausgrenzungsgefährdeten Menschen österreichweit gestiegen. Für einzelne Bundesländer werden Werte für drei Jahre ausgewiesen. Sie gelten als aussagekräftiger. In Vorarlberg sind demnach 19 Prozent, also gut ein Fünftel der Bevölkerung, davon betroffen. Das entspricht rund 78.000 Frauen, Männern und Kindern. Höher ist der Anteil nur in Wien (29 Prozent), sonst überall niedriger. Im Burgenland beträgt er gerade einmal elf Prozent.

Als armuts- oder ausgrenzungsgefährdet gelten Mitglieder von Haushalten, bei denen das verfügbare Einkommen pro Kopf gewichtet weit unter dem des mittleren Haushalts liegt. Bei allein lebendenden Menschen etwa ist das der Fall, wenn sie weniger als 1800 Euro pro Monat haben. Außerdem ist von einer Gefährdung die Rede, wenn zum Beispiel so gut wie keine Reserven vorhanden sind und unerwartete Ausgaben von 1570 Euro nur auf Pump getätigt werden können.
Problemlagen seien hierzulande „besonders ausgeprägt“, analysiert Schmolly und verweist unter anderem auf dieses Ergebnis: Während bezogen auf alle Haushalte das durchschnittliche Einkommen in Vorarlberg um rund zwei Prozent unter dem österreichweiten Niveau liegt, befindet es sich beim untersten Zehntel gar um sechs Prozent darunter. Sie müssen hierzulande mit weniger als 17.917 Euro im Jahr über die Runden kommen. Das sind knapp 1500 Euro pro Monat.
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Zunehmende Probleme sind für Hilfsorganisationen spürbar: „Die Caritas hat im vergangenen Jahr um 50 Prozent mehr Sachleistungen in Form von Lebensmittelgutscheinen und Überbrückungshilfen benötigt, um Menschen in existenziellen Notlagen aufzufangen“, berichtet Schmolly: „Auch der erhöhte Beratungsaufwand zeigt, dass sich Armutssituationen der Haushalte und Familien weiter verfestigen.“
Ähnliches stellt man bei Dowas, dem Ort für Wohnungs- und Arbeitssuchende in Bregenz, fest: „Es kommen immer mehr Menschen, die sagen, dass sie kein Geld mehr haben und sich keine Lebensmittel mehr kaufen können“, so Geschäftsführer Ferdinand Koller.
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Wunder sei das keines, ergänzt er: Es sei vielmehr absehbar gewesen. Unteren Einkommensgruppen würden Sparmaßnahmen wie die Streichung des Klimabonus und die Nichtanpassung der Familienbeihilfe besonders zusetzen. Insofern wäre es laut Koller wichtig, dass es zu keinen weiteren Verschlechterungen kommt. Er stellt sich damit gegen einen Wettbewerb nach unten, den er bei der Sozialhilfereform sieht zwischen den Bundesländern sowie gegen Pläne auf Bundesebene, die Familienbeihilfe auch 2028 nicht anzupassen.

Für Walter Schmolly sind die Erhebungsergebnisse „ein Ausrufezeichen in Richtung der politisch Verantwortlichen, den problematischen Armutsentwicklungen etwas entgegenzuhalten“. Auf gar keinen Fall dürfe es Maßnahmen zur Budgetkonsolidierung geben, die die Situation der von Armut betroffenen Menschen in Österreich und Vorarlberg weiter verschlechtern: „Insbesondere braucht es für die Mindestpensionen und die Familien- und Sozialleistungen die volle Abgeltung der Teuerung.“