Christian Rainer

Kommentar

Christian Rainer

Wenn die Weltmacht Unsinn macht

Politik / 19.06.2026 • 13:21 Uhr

Man darf Donald Trump dankbar sein, wenn auch nur für die Unverblümtheit. Andere Regierungen brauchen Jahre, um zu vertuschen, dass sie Unsinn gemacht haben. Trump stellt sich hin und nennt den Unsinn Sieg. Im Iran-Krieg sieht man den Schmarren ohne Weichzeichnung.

Der Iran ist nicht befreit, nicht entwaffnet, nicht demütig, nicht weg. Er ist allenfalls beschädigt. Aber beschädigte Staaten können politisch stärker werden, wenn ihre Gegner beschädigter aus der Geschichte kommen. Teheran bekommt Gesprächswürde, Sanktionsluft, die Pose des Überlebenden, vielleicht sogar Hunderte Milliarden Dollar. Trump bekommt einen Zettel, auf dem Frieden steht, und den Verdacht, dass Amerika mit Flugzeugträgern gut drohen, aber mit Wirklichkeit schlecht umgehen kann.

Die Frage ist nicht, warum Trump sich irrt. Bei ihm ist Irrtum keine Panne, sondern Geschäftsmodell. Die Frage ist: Warum irren Staaten? Warum irren Apparate, in denen Menschen Karten lesen, Satellitenbilder deuten, frühere Kriege studiert haben und trotzdem wieder in dieselbe Schlamasselgeometrie marschieren?

Afghanistan, Irak, Libyen, Vietnam: Die Geschichte hat ihre Warnhinweise nicht in Geheimtinte geschrieben. Der Westen hat Diktatoren gestürzt und danach Gesellschaften gesucht, die es nicht gab.

Vielleicht sind Staaten nicht klüger als Menschen. Sie sind nur besser ausgestattet. Sie haben mehr Akten, Generäle, Bildschirme und Gelegenheit, sich selbst zu glauben. In der Außenpolitik wird aus Wissen schnell Gewissheit, und Gewissheit ist die gefährlichste Droge des Betriebs. Jeder Berater fügt ein kluges Teilchen hinzu, aber niemand sieht, dass die Maschine daraus Dummheit zusammensetzt. Der Geheimdienst sagt: möglich. Das Militär sagt: machbar. Die Diplomatie sagt: schwierig. Der Präsident hört: historisch.

Dazu kommt die Teufelei der Macht: Niemand will der Feigling im Raum sein. Wer fragt, was am Tag danach passiert, gilt als Bremser. Wer sagt, dass man ein Land bombardieren, aber nicht in seine Zukunft hineinregieren kann, gilt als sentimental. So entsteht Kartenraumnebel: Je mehr Leute am Tisch sitzen, desto weniger traut sich einer zu sagen, dass keiner weiß, wohin das alles führt.

Keine Kasse klingelt, kein Imperium wird stabiler, kein Präsident wird größer. Es sterben Menschen, es verbrennt Geld, es wächst Hass, und am Ende erklärt ein Sprecher, die Lage sei komplex. Der Grabstein der Vernunft: Die Lage ist schwierig. Vorher war sie offenbar einfach genug für Marschflugkörper.

Der Irrtum beginnt dort, wo Politik glaubt, Gewalt sei die Abkürzung zur Aufschlüsselung von Komplexität. In Wahrheit ist sie deren Vermehrungsmaschine. Eine Bombe beantwortet keine Frage, sie stellt hundert neue. Wer ist danach legitimer? Wer rächt wen? Welche Miliz erbt die Ruinen? Diese Fragen passen in kein Lagebild, weil sie auch die beste KI nicht wird beantworten können.

Vielleicht ist das die bitterste Antwort: Staaten irren so groß, weil sie klein denken müssen. Sie zerlegen die Welt in Ziele, Phasen, Feindbilder. Sie brauchen Beherrschbarkeit, also erfinden sie sie. Je mächtiger ein Staat ist, desto länger hält er seine Erfindung für Realität. Macht macht nicht blind. Sie macht kurzsichtig.

Trump hat im Iran eine alte westliche Krankheit ausgestellt: die Interventionssenilität. Man weiß eigentlich über alles Bescheid, auch über die eigenen historischen Katastrophen, und tut doch so, als beginne die Welt heute früh im Situation Room. Der Normalverbraucher fährt nicht in eine Wand, nur weil im Handschuhfach eine Karte liegt. Regierungen tun genau das. Und nachher nennen sie das Loch in der Wand eine Öffnung.