Christian Rainer

Kommentar

Christian Rainer

693-93-590

Politik / 10.07.2026 • 12:50 Uhr

Monströs? Aber nicht doch! Österreichischer geht es kaum. Die Wirtschaftskammer besteht aus 693 selbstständigen Körperschaften, darunter 93 Fachverbände und 590 Fachgruppen. Insgesamt sind es 1000 Organisationseinheiten, 1200 Organe, 10.300 Funktionäre und 4740 Vollzeitbeschäftigte. Ein Staat im Staat, nur mit weniger Demokratie und besserer Kantine. Der Rechnungshof nennt das in seinen vergangene Woche veröffentlichten Prüfberichten höflich „strukturbedingte Risiken“. Im Wirtschaftsleben hieße es: unsteuerbar, undurchsichtig, unleistbar.

          Die Kammer vertritt die unabhängige, mutige Unternehmerschaft. Und wie sichert sie deren Begeisterung? Mit Pflichtmitgliedschaft. Wer Freiheit predigt, braucht offenbar Zwangskundschaft. Schon als junger Wirtschaftsjournalist war ich dagegen. Das hat mir neben meinen Positionen zu Neutralität und Impfpflicht Schmähung bis hin zu Morddrohungen eingebracht. Österreich liebt die Freiheit, solange niemand auf die Idee kommt, sie einzuführen.

          Ein Kammerstaat? Nein und auch ja: Bei der Arbeiterkammer versteht man die Pflicht ja eher. Arbeitnehmer brauchen eine Vertretung gegen ökonomisch Mächtigere auch abseits der vulnerablen Gewerkschaften. Unternehmer hingegen sind im Ernstfall weder rechtlos noch stimmlos. Bloß traut ihnen ihre eigene Interessenvertretung keine freie Entscheidung zu. Die SPÖ hat allerdings den Zwang in der schwarzen Wirtschaftskammer nie ernsthaft bekämpft. Zu groß war die Sorge, mit diesem Stein auch die rote Arbeiterkammer aus dem sozialpartnerschaftlichen Gewölbe zu schlagen. So bewacht jede Reichshälfte die Pflichtmitgliedschaft der anderen: eine Geiselnahme mit Stockholm-Syndrom

          Wofür also das Gebilde Wirtschaftskammer? Für zehnfache Parallelstrukturen, einen Personalaufwand von mehr als einer halben Milliarde Euro und 25,73 Millionen Euro Funktionsentschädigungen. Bemerkenswert: Die Präsidien beschlossen ihre eigenen Bezüge selbst. Das ist kein Interessenkonflikt, sondern österreichische Kreislaufwirtschaft: Man nimmt Geld von den Mitgliedern und verteilt es an sich selbst.

          2025 sollten die Bezüge von Spitzenfunktionären bekanntlich um bis zu 60 Prozent steigen. Ausgerechnet jene, die bei jedem Kollektivvertrag vor der Lohn-Preis-Spirale warnen, erfanden für sich die Gagen-Galaxie. Harald Mahrer stolperte über dieses Selbstbedienungsballett. Maßhalten ist in der Kammer eine hervorragende Idee für die anderen.

          Auch Vorarlberg kennt die Nähe von Kammer, Wirtschaftsbund und Parteiapparat nicht nur aus dem Organigramm. Die Inseraten- und Steueraffäre des Wirtschaftsbundes zeigte, wie rasch aus Interessenvertretung Interessensverwertung wird. Danach wurden Regeln verschärft. Österreichisches Reformprinzip: Erst wenn der Rauchmelder brennt, beschließt man Brandschutz.

          Und: Gleichzeitig wird Sepp Schellhorn verspottet, weil er Bürokratie abbauen soll und dabei gegen Betonwindmühlen kämpft. Ach Don Schellhorn! Man kann seine Bemühungen belächeln. Doch die Absurdität liegt anderswo: Einer versucht Formulare zu streichen, während die Wirtschaftskammer mit 693 Körperschaften den Verwaltungsbarock als Standortfaktor pflegt. Brauchen wir im Zeitalter von KI und EU-Binnenmarkt jede Fachgruppe, jede Mehrfachfunktion und Außenwirtschaftsstellen innerhalb Europas? Oder braucht das System vor allem sich selbst?

          Fragt man Unternehmerinnen und Unternehmer, hört man selten Liebeserklärungen an ihre Kammer. Begeisterte Verteidiger findet man unter Funktionären. Auch der Frosch im Biotop lobt die Feuchtigkeit.

          Die Wirtschaftskammer ist reformierbar, heißt es. Natürlich. Sie reformiert sich seit Jahrzehnten so erfolgreich, dass sie noch 693 Körperschaften zählt. Vielleicht ist sie gar keine Organisation. Vielleicht ist sie eine österreichische Staatsform.

Christian Rainer ist Journalist und Medienmanager. Er war 25 Jahre lang Chefredakteur und Herausgeber des Nachrichtenmagazins profil.