Kommentar: Gelassenheit ist aus der Mode
Donald Trump versteht die Welt nicht mehr. Und man muss ehrlicherweise sagen, nicht nur dem politisch verhaltensauffälligen US-Präsidenten ergeht es derzeit so. In der Nacht auf Montag hat das US-Militär nach eigenen Angaben wieder Ziele im Iran angegriffen. Zum vierten Mal binnen einer Woche, um den Iran möglichst davon abzuhalten, seinerseits weiterhin Handelsschiffe in der Straße von Hormus zu attackieren. Daraufhin meldeten auch Staaten am Persischen Golf wieder Raketenbeschuss aus dem Iran. Ein Albtraum, ein Ringen um die strategisch und wirtschaftlich so wichtige Meerenge von Hormus, die seit dem Iran-Krieg fast täglich in den Nachrichten vorkommt.
UNO-Generalsekretär António Guterres ist verständlicherweise besorgt über die “erhebliche Eskalation”, eine Rückkehr zu umfassenden Kampfhandlungen hätte katastrophale Folgen für die Sicherheit der Region und die Weltwirtschaft. Guterres fordert den Iran und die USA “nachdrücklich” auf, diplomatische Lösungen zu suchen und wieder zu verhandeln, anstatt sich zu attackieren. Wohl ein frommer Wunsch.
Umgang mit der Ohnmacht
Die Welt scheint aus den Fugen und jeder Appell an Mäßigung oder Vernunft verhallt. Gelassenheit, ein hoher Wert im Umgang mit den anderen und mit sich selbst, ist mittlerweile völlig aus der Mode gekommen. Dabei könnte sie uns zumindest helfen, mit der dauernden Unsicherheit und der eigenen Ohnmacht umzugehen – damit zurechtzukommen, ist eine der schwierigsten Übungen. “So viel Wissen über unser Nichtwissen und über den Zwang, unter Unsicherheit handeln und leben zu müssen, gab es noch nie”, sagte der vergangenes Jahr verstorbene große deutsche Philosoph Jürgen Habermas schon 2020, im ersten Jahr der Pandemie. Also noch vor den Kriegen in der Ukraine, im Nahen Osten, im Iran.
Wenn es mit der buddhistischen Gelassenheit nicht mehr funktioniert, braucht man Widerstandsfähigkeit, um all diese Krisen möglichst gut auszuhalten. Resilienz ist heute mehr als ein Fachbegriff von Psychologinnen und Psychotherapeuten. Damit ist die innere Fähigkeit gemeint, Probleme zu bewältigen, also die psychische Widerstandsfähigkeit gegen Stress. Eine erstrebenswerte Eigenschaft, die viele in der modernen Wettbewerbsgesellschaft so erreichen wollen: noch ein teures Coaching, noch ein schlaues Ratgeberbuch, noch ein ambitionierter Lebenshilfe-Podcast.
Möglichst souverän mit Ungewissheit umzugehen, bleibt eine Herausforderung für jedes einzelne Individuum, aber natürlich auch für Politik und Wirtschaft. Egal, ob im Privatleben oder im Job – wir müssen uns an eine Welt anpassen, die sich in rasender Geschwindigkeit bewegt. Und dabei ist es bedeutungslos, was wir (oder Donald Trump) davon halten.
Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.
Kommentar