Kommentar: Familiengründungen
So schnell kann es gehen. Da setze ich mich mal eine Woche früher als nötig an meinen VN-Kommentar – und schreibe für die Tonne. Na ja, nicht ganz.
Aus Berlin hört man, dass ein Gespräch zwischen Bundeskanzler Merz und dem Chef des Springer Verlages (also der Bild-Zeitung) unlängst entgleist ist. Es fällt ja schwer, mit Friedrich Merz Mitleid zu haben. Sein verächtlicher Umgang mit Menschen, auf die er herabschaut (also die meisten), haben ihn inzwischen zum unbeliebtesten Bundeskanzler aller Zeiten gemacht. Doch der Bericht über jenes Treffen zwischen Merz und Springer-Chef Döpfner im Berliner Kanzleramt verleitet einen zu einem Anfall von Empathie. Döpfner, und damit der wichtigste „Meinungsmacher“ des Landes, will man meinen, hat Merz ausgerichtet, er solle doch mal seine Berührungsängste gegenüber der rechtsextremen AFD fallen lassen – und die große Koalition sprengen, um mit der AFD zu koalieren.
Von Merz wird die Antwort überliefert: „Nur über meine Leiche“. Dieses Angebot hat Döpfner gerne angenommen. „Das werden Sie noch bereuen“, so wird Döpfner zitiert. Und es ist kein Zufall, dass die Springer Presse seit Monaten ausgerechnet Jens Spahn hochgejubelt hat, der zu Corona-Zeiten mit undurchsichtigen Masken-Deals, die mehr als 5 Milliarden Euro verschlangen, in die Schlagzeilen kam. Als CDU-Fraktionschef lauerte er fortan auf seine neue Chance. Und nahm ab und zu an diskreten Treffen mit dem deutsch-amerikanischen Tech-Milliardär und Trump-Intimus Peter Thiel teil, bei dem sich rechtsradikale Verschwörungsfantasten, identitäre Politiker und eben auch Techmilliardäre darüber austauschen, wie man liberale Demokratien zerstören kann.
Ich wollte eigentlich darüber spekulieren, wann die erfolgreiche Arbeit von Friedrich Merz an seinen Unbeliebtheitswerten wohl zu einem Putsch von Jens Spahn in der CDU führen wird.
Doch als Politiker Leihmutterschaft öffentlich zu verdammen und gesetzlich zu verbieten, sie dann aber selbst für eine sechsstellige Summe in den USA für die eigene Familiengründung in Anspruch zu nehmen, wie Jens Spahn jetzt kleinlaut zugeben musste, das hat den Bogen dann doch überspannt. So ist Jens Spahn wohl endgültig Geschichte, irgendwie so endgültig wie Sebastian Kurz, der als Mitarbeiter von „Thiel Capital“ ebenfalls darauf lauert, dass ihn die ÖVP als auferstandenen Messias aus der goldenen Versenkung holt, und der sich ab und zu von Medien hofieren lässt, die Politik lieber selbst bestimmen wollen, als über sie zu berichten. Mal schauen, ob auch Jens Spahn fürs Erste einmal einen lukrativen Job bei Peter Thiel bekommt. Es gibt ja viel kaputtzumachen in dieser Welt.
Hanno Loewy ist Autor und Literaturwissenschaftler.
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