Unser Ceuta lag hinter dem Semmering
Ceuta ist Europa. Das ist geografisch Unsinn und politisch Tatsache.
Die spanische Stadt liegt auf afrikanischem Boden, eingezäunt gegenüber Marokko. Ende Juli stürmten Zehntausende Menschen die Grenze oder schwammen um sie herum, Dutzende starben. Binnen weniger Tage war der Massenansturm beendet. Die meisten Afrikaner kehrten freiwillig nach Marokko zurück. Andere wurden rückgeführt. Ein paar Kilometer Zaun genügten, um die europäische Migrationsfrage wieder auf ihre brutale Grundform zu reduzieren: Wer darf hinein, wer muss draußen bleiben – und wer entscheidet das?
Ceuta ist dabei nicht nur Grenze, sondern Altlast. Spanien hält an einer Stadt in Afrika fest, Marokko erhebt Anspruch auf sie. Europas Außengrenze verläuft hier mitten durch seine Kolonialgeschichte. Frankreich blickt bei jeder Migrationsdebatte nach Algerien. Großbritannien stolpert noch immer über die Trümmer seines Empire. Italiens Verhältnis zu Afrika ist ohne Libyen, Eritrea oder Somalia nicht zu verstehen.
Und Österreich?
Wir hatten kein Überseeimperium. Unsere einzige wirklich spektakuläre koloniale Fantasie endete in Mexiko mit der Erschießung eines Habsburgers. Unser Reich lag nicht hinter den Ozeanen. Es begann hinter dem Semmering.
Die Habsburgermonarchie war kein ethnisch aufgeräumter Nationalstaat, sondern ein politisches Durcheinander von Deutschen, Ungarn, Tschechen, Slowenen, Kroaten, Bosniern, Polen, Rumänen, Italienern, Ukrainern und anderen. Nicht harmonisch, nicht freiwillig, nicht gerecht. Aber gemeinsam unter einem Dach, das schon damals an allen Ecken und Enden undicht war.
Vielfalt war keine Tugend. Sie war Verwaltungslage.
Auch Muslime sind kein verspäteter Import in die österreichische Geschichte. Mit Bosnien und Herzegowina wurden Hunderttausende von ihnen Untertanen des Kaisers. 1912 erkannte Österreich den Islam gesetzlich an. Der Islam ist damit älter als die Republik – eine historische Unanständigkeit für alle, die ihn gern als kürzlich eingeschlepptes Fremdmaterial behandeln.
Das macht heutige Migration weder harmlos noch einfach. Grenzen müssen kontrolliert, Regeln durchgesetzt, Integration eingefordert werden. Wer darüber spricht, ist nicht automatisch herzlos. Wer darüber schweigt, nicht automatisch human.
Aber jedes Land spricht über Migration in der Sprache seiner Vergangenheit. Genau deshalb klingt es eigentümlich, wenn die FPÖ dieselbe Partitur spielt wie der Rassemblement National, Geert Wilders oder Reform UK: hier das bedrohte Volk, dort die fremde Masse, dazwischen der Ruf nach kultureller Reinheit.
In Frankreich nährt sich diese Erzählung aus den offenen Wunden des Kolonialreichs. In Großbritannien aus dem Phantomschmerz des Empire. In den Niederlanden aus einer Geschichte globaler Expansion. Österreichs Vergangenheit erzählt etwas anderes: nicht die Geschichte ferner Untertanen, sondern jene naher Nachbarn; nicht Übersee, sondern Mitteleuropa und Balkan; nicht Trennung durch Ozeane, sondern Vermischung entlang von Grenzen, die immer wieder verschoben wurden.
Das macht die FPÖ nicht weniger österreichisch, als ihre Wahlergebnisse zeigen. Aber ihre nationale Fantasie ist erstaunlich unösterreichisch. Sie träumt von einem Land, das es in dieser Reinheit nie gab.
Ceuta zeigt, wie Europa seine Geschichte mit Zäunen befestigt. Österreich braucht dafür keinen Zaun. Uns genügt das Vergessen.
Vielleicht ist der größte Unterschied zwischen Österreich und vielen seiner Nachbarn gar nicht die Migration.
Sondern das Gedächtnis.
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