Nicht falsch, nur in Bewegung
Wie gibt man Fehler zu, ohne sie zugeben zu müssen? Man verpackt das Eingeständnis in Verwaltungssprache. Aus “Wir haben uns geirrt” wird “Wir evaluieren”. Aus Änderungsbedarf wird “Verbesserungspotenzial”. Aus einer nötigen Korrektur wird ein “Nachschärfen im Bedarfsfall”. Zu bestaunen bei der Öffi-Tarifreform. Nach Monaten des kritischen Dauerfeuers bewegen sich die Verantwortlichen zaghaft.
Immerhin.
Dieser kleine Schritt dürfte nicht leicht gefallen sein. Ein Grund: der Sunk-Cost-Effekt. Je mehr Zeit, Geld und politisches Kapital in einer Entscheidung stecken, desto schwerer fällt es, sie infrage zu stellen. Bei der Tarifreform sind das die lange Vorbereitung, die Umstellung des Systems und das Versprechen, Öffi-Fahren einfacher zu machen. Je größer der Einsatz, desto schwerer der Satz: “Das war ein Fehler.”
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Landesstatthalter Christof Bitschi verteidigte die Reform, als das argumentative Seil längst durchhing. Überforderte Fahrgäste an den Automaten? Überteuerte Tickets für kurze Fahrten, die mit zwei Tickets und Zwischenstation günstiger werden? Busfahrerinnen und Busfahrer, die das System auch nur mit Schummelzettel erklären können? Und warum muss die Fahrtdauer eine zusätzliche Tarifdimension sein? Was als Vorteil und Argument für höhere Preise herhalten muss, stiftet vorwiegend Verwirrung: Erklärt mir jemand den Vorteil davon, innerhalb einer Stunde eine Strecke mehrfach zurücklegen zu können?
Bitschi reagierte durchaus: In den Bussen wurde eine Erklärung aufgelegt, es gab leichte Anpassungen. Kritik nannte er einseitig negative Berichterstattung. Die Tarife seien nicht vergleichbar, die meisten Fahrgäste würden profitieren, das System sei einfacher geworden. 85 Prozent der Fahrten seien gleich teuer oder billiger, nur 0,9 Prozent deutlich teurer.
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Das ist, als würde ein Arzt dem Patienten erklären, 85 Prozent seiner Werte seien in Ordnung – das Stechen in der Brust also statistisch kaum der Rede wert. Und selbst die Zahlen sind umstritten: Laut einer späteren Berechnung der VN sind rund 44 Prozent der Fahrten teurer geworden.
Der Sunk-Cost-Effekt erklärt einen Teil des Festhaltens an der Reform. Dazu kommt politischer Alltag: Verantwortliche versuchen, negative Folgen kleinzuhalten oder anderen zuzuschreiben. Denn mit dem Fehler steht schnell auch die eigene Kompetenz zur Debatte.
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Dabei könnte die Angst vor dem Ansehensverlust größer sein als das tatsächliche Risiko. Eine US-Studie ergab: Politiker, die öffentlich zugaben, falsch gelegen zu haben, wurden besser bewertet als jene, die daran festhielten. Sie galten als kompetenter, sympathischer und unterstützenswerter. Fehler einzugestehen ist also offenbar weniger gefährlich als gedacht. Und offenbar ziemlich sexy.
Der Mitmach-Prozess ist vom sexy Fehlereingeständnis zwar weit entfernt, er macht die Sache aber zumindest ein wenig attraktiver. Fahrgäste dürfen das bestehende System mitgestalten. Die Reform soll ein Erfolg bleiben, wird aber im “Bedarfsfall nachgeschärft”. Bedarf ist bekanntlich vorhanden.
Am Ende wird’s vielleicht ein gutes Ergebnis für alle: Die Politik kann an ihrer Erfolgserzählung festhalten, während die Fahrgäste vielleicht künftig weniger zahlen oder leichter zum richtigen Ticket kommen. Man muss ja nicht gleich einen Fehler zugeben, solange man ihn in der Praxis behebt.
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