Christian Rainer

Kommentar

Christian Rainer

Ein Stück Stoff, ein Stück Unterdrückung

Politik / 18.09.2026 • 10:03 Uhr

Seit Montag gilt auch in Vorarlbergs Schulen das Kopftuchverbot. Mädchen dürfen bis zu ihrem 14. Geburtstag im Schulgebäude kein Kopftuch tragen, das “das Haupt nach islamischen Traditionen verhüllt”. Wie viele Schülerinnen das betrifft, weiß niemand: Die Bildungsdirektion hat dazu keine Informationen.

Das Thema ist freilich größer als seine Fallzahl. Denn beim Kopftuch geht es nicht um ein Stück Stoff. Es geht um die Frage, wie eine liberale Gesellschaft mit religiösen Geboten umgeht, wenn diese mit ihrem Verständnis von Gleichberechtigung kollidieren. Wer Religionsfreiheit sagt, muss deshalb auch Selbstbestimmung sagen. Und wer staatliche Neutralität sagt, darf über Kreuze in Klassenzimmern ebenfalls nicht schweigen. Sonst wird aus Prinzip Folklore.

Vorarlberg kann diese Debatte nicht hinter dem Arlberg als Wiener Spezialproblem abstellen. Rund zehn Prozent der Bevölkerung gehören hier dem Islam an. Eine Wiener Jugendstudie liefert Zahlen, die man kennen sollte, bevor man jedes Unbehagen als Islamophobie entsorgt: 53 Prozent der befragten muslimischen Jugendlichen fanden, Musliminnen sollten in der Öffentlichkeit Kopftuch tragen. 65 Prozent meinten, islamische Vorschriften müssten in allen Lebensbereichen eingehalten werden. 41 Prozent stellten religiöse Regeln über die Gesetze Österreichs. In Wien sind rund 40 Prozent der Pflichtschüler muslimischen Glaubens, Tendenz österreichweit durch Zuwanderung und Geburtenraten schnell steigend.

Ich pendle derzeit zwischen Europa und den Emiraten. Dort sieht man berufstätige Frauen ebenso wie Kopftücher, Abayas und Niqabs, moderne Weltstadt und mittelalterliche Familienrollen nebeneinander. Ein Straßenbild ist keine Statistik. Es macht aber sichtbar, dass gesellschaftlicher Fortschritt, um den der sogenannte Westen über Jahrhunderte gekämpft hat, keineswegs naturgesetzlich ist.

Und darin liegt die breitere Perspektive. Europa kämpft ökonomisch darum, gegenüber China nicht weiter an Boden zu verlieren. Gleichzeitig verzeichnen die USA unter Donald Trump eine Erosion demokratischer Institutionen. Russland unter Wladimir Putin ist längst als autoritäres System abgeschrieben. Man kann darüber streiten, wie dramatisch diese Entwicklungen sind. Aber die Frage drängt sich auf: Wenn Europas ökonomische, verteidigungs- und damit geopolitische Stellung schon unter Druck steht, welchen Wert messen wir dann wenigstens den gesellschaftlichen Errungenschaften bei, die Aufklärung und Liberalismus hervorgebracht haben – Gleichberechtigung, individuelle Freiheit und den Vorrang weltlicher Gesetze?

Genau daran entzündet sich der Kopftuchstreit. Ein Kopftuch kann Ausdruck eigener Religiosität sein. Es ist aber immer auch Zeichen der familiären oder sozialen Umstände. Wer jedes Kopftuch automatisch zum Zwang erklärt, spricht Frauen ihre Entscheidung ab. Wer umgekehrt so tut, als gäbe es diesen Druck nicht, romantisiert patriarchale Milieus.

Die Schule ist der Ort, an dem Kinder erfahren sollen, dass Herkunft, Religion und Geschlecht nicht über ihre Möglichkeiten entscheiden. Das neue Gesetz will diese Freiheit schützen. Seine Kritiker sagen, es verletze gerade sie. Der Verfassungsgerichtshof hat ein früheres Kopftuchverbot 2020 wegen seiner selektiven Wirkung aufgehoben; über das neue Gesetz ist damit noch nichts gesagt.

Vielleicht wäre das die erwachsenere Debatte: weder Kulturkampf noch Wegschauen. Nicht “der Islam” gegen “den Westen”, nicht Kopftuch gegen Kreuz, sondern die unbequemere Frage: Wie schützt eine offene Gesellschaft die Freiheit eines Kindes – gegenüber Familie, Mehrheit und Staat?

Aufklärung ist jedenfalls mehr als die Kunst, im entscheidenden Moment wegzuschauen.