Das chancenreichste Brot für Kinder
Einen wunderschönen Freitag!
Kaum ein Gegenstand kann das Scheitern der Marke Vorarlberg besser erklären als Brot. Eine Idee der Marke: Das Land wollte das Logo vermieten – also anderen gegen Lizenzgebühr zur Verfügung stellen – und damit die Finanzen etwas aufbessern. Die Idee scheiterte schon am Gebäck.
Eine große Vorarlberger Bäckerei vereinbarte mit der Vermögensverwaltung des Landes eine Kooperation. Das Logo sollte auf die Verpackung eines regionalen Produkts. Die Wisto, die für die Marke zuständige Institution, hielt die Vereinbarung schriftlich fest. 1000 Euro sollte die Bäckerei zahlen. Vereinbart wurde aber noch etwas anderes: Für eine Pressekonferenz und Vorleistungen bezahlte die Wisto der Bäckerei einen Sponsoringbetrag von 3500 Euro. Dieses Geld floss – die Lizenzgebühr nicht.
Das ist, als würde ich mir den Kauf meines Brots vom Bäcker bezahlen lassen.
Die einzige Institution, die überhaupt Lizenzgebühr bezahlte, war ausgerechnet die Wisto selbst. Weil das Land die Markenrechte nicht herausgeben wollte, überwies die Wisto ihm jährlich 7500 Euro für deren Nutzung. Was absolut Sinn ergibt. Als Einnahme aus der Vermietung der Marke an andere kann man das aber nicht bezeichnen. Linke Tasche, rechte Tasche.
Nachzulesen ist das im Bericht des Landes-Rechnungshofs über die Marke Vorarlberg. Brigitte Eggler-Bargehr und ihr Team haben die Marke schon zum zweiten Mal auseinandergenommen. Beim ersten Mal prüften sie den Vergabeprozess – und fanden mehrere Mängel. Schriftliche Dokumentationen fehlten, Beschlüsse fielen zu spät, die Abteilungen stimmten sich schlecht ab. Was die Prüfung der Marke selbst zutage förderte, stellt diese Kritik bei Weitem in den Schatten. Bei uns in den VN natürlich nachzulesen.
Es folgen zwei Verweise auf alte Newsletter. Man soll sich ja nicht selbst loben. Aber wenn sich schon einmal die Gelegenheit bietet: Schon einmal habe ich an dieser Stelle über die Marke Vorarlberg geschrieben, ohne den Prüfbericht zu kennen. Umso schöner, wenn der Bericht meine damaligen Gedanken nun fundiert bestätigt. Nachzulesen hier.
Verweis zwei: Vergangene Woche habe ich über die Fehlerkultur in der Politik geschrieben. Hier nachzulesen. In diesem Zusammenhang möchte ich auf einen Abschnitt aus der Presseaussendung des Landes hinweisen, in der Landeshauptmann Markus Wallner auf den Rechnungshofbericht reagiert. Das Fehlereingeständnis lautet so: „In der Vergangenheit habe man möglicherweise weniger auf die Verpackung der Projekte geachtet.“ Und weiter: „Verkürzte Schlagzeilen und deren hysterische politische Instrumentalisierung tragen nicht dazu bei, einen Standort zu stärken.“
Der Rechnungshof kritisiert die Auswahl und Wirkung der Projekte. Das Land spricht von ihrer Verpackung.
Dann verkürzen wir einmal weiter. Wer die Stellungnahme des Landes im Prüfbericht liest, muss von einer flachen Lernkurve ausgehen. Einer der Hauptkritikpunkte des Rechnungshofs betrifft das Förderungs-Potpourri: vom Vorarlberger Symphonieorchester über den Bodenfonds bis zum Schulgeld für BAfEP-Schülerinnen. Wirtschaftsstandort, Bildungspolitik, Lerncafés: Gefördert wurde alles, was sich irgendwie mit dem Markenziel „chancenreichster Lebensraum für Kinder“ in Verbindung bringen ließ. Auch das Markenlogo auf dem Brot passte ins Bild.
Die Begründung überlasse ich dem Pressebericht auf der Webseite der “Marke Vorarlberg”:
Die Marke Vorarlberg hat dies zum Anlass für ein gemeinsames Projekt genommen. „Brot ist ein starkes Symbol um die Werte Vorarlbergs zu vermitteln“, so die Vertreter*innenInnen. Die Marke Vorarlberg möchte das Land zu einem „chancenreichen Lebensraum“ entwickeln. Gemeinsam mit vielen Partner*innenInnen arbeitet man an einer Vision: „2035 ist Vorarlberg der chancenreichste Lebensraum für Kinder“. Themen, wie gesunde Ernährung mit regionalen Produkten spielen dabei eine große Rolle.
Die Marke wurde zum Gummistempel: Einmal aufgedrückt, ließ sich fast jedes Projekt als Beitrag zu besseren Chancen für Kinder ausweisen. Selbst beim Überschuss aus dem Markenbudget, der nicht zweckgebunden auf die Seite gelegt wurde, sondern ins allgemeine Budget floss, lässt sich argumentieren: Haushaltskonsolidierung ist wichtig, um den Schuldenrucksack für nachfolgende Generationen abzubauen.
Fehlt nur noch das Marke-Vorarlberg-Logo auf dem Landesbudget. Vielleicht zahlt das Land dafür ja Lizenzgebühr an sich selbst?
Der Rechnungshof empfiehlt, sich stärker zu fokussieren. Konkret: „Vision des chancenreichsten Lebensraums für Kinder konkretisieren und dafür faktenbasiert wirksamste Themenfelder identifizieren.“ Als mögliche Felder nennt der Rechnungshof etwa Bildung, Sprache, soziale Teilhabe und Gesundheit für Kinder und Jugendliche.
Und wie reagiert das Land? Man müsse die Vision als gesamtgesellschaftliches Entwicklungsziel sehen. Die genannten Bereiche würden dieses Ziel nicht abbilden. „Auch Maßnahmen zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts, der Innovationskraft, der regionalen Wertschöpfung, der Fachkräftesicherung oder der Standortattraktivität leisten mittelbar einen Beitrag zur Verbesserung der Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen.“
Also bleibt es dabei: Die Marke Vorarlberg war vor allem eine Möglichkeit, die Einnahmen aus den Heimfallsrechten der illwerke vkw zu verteilen – oft in Projekte, die es schon vor der Marke gab. Sieben Millionen Euro im Jahr. Das Markenlogo verschwindet zwar, der Verteilmechanismus bleibt.
Mal ganz quer gedacht: Vielleicht könnte man sich fragen, ob dieses Geld nicht in ein zentrales Krankenhaus investiert werden sollte.
Das Logo der „Marke Vorarlberg“ würde man darauf aber nicht mehr abbilden können. „Die Bildmarke der Marke Vorarlberg wird nicht mehr verwendet“, schreibt die Landespressestelle. Damit ist das Logo und damit wohl auch die Marke Vorarlberg Geschichte. Was mit einem 180.000 Euro teuren Markenprozess begann, endet mit einem vernichtenden Rechnungshofbericht. Ein großes Missverständnis wird beseitigt.
Beseitigt habe ich auch die Buchempfehlungen an dieser Stelle. Das hat mit einem privaten Projekt zu tun, das momentan viel Zeit raubt und über das ich Ihnen demnächst gerne mehr erzähle. Ein wenig komme ich aber zum Lesen. Und habe mich kürzlich ordentlich amüsiert. Falls Ihnen Stefanie Sargnagels Büchlein „Oktoberfest. Ein Spaziergang auf der Wiesn“ in die Hände fällt: kaufen und lesen.
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. Falls Sie am Sonntagmorgen fürs Familienfrühstück noch frisches Brot besorgen möchten: Sollten Sie irgendwo ein Urdinkelbrot kaufen, denken Sie daran, dass Sie damit Vorarlberg Biss für Biss chancenreicher für Kinder machen könnten. Mahlzeit!
Herzlichst
Michael Prock
Leiter VN-Politikredaktion
Dieser Text erschien im wöchentlichen Politik-Newsletter von VN-Politikchef Michael Prock. Sie können das “VOL.at Hinterzimmer” und weitere Newsletter hier abonnieren: www.vol.at/newsletter
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