Reisetipp Sardinien: Insel der Höhlen und Grotten

Sardiniens Berge sind durchlöchert wie ein Schweizer Käse und wollen entdeckt werden.
Sardinien – da war doch mal was: Aga Khan, Costa Smeralda, Jet Set. Doch Corona hat die Insel schwer getroffen, den Tourismus fast zum Erliegen gebracht. Ganz allmählich kommen die Reisenden zurück auf die Insel. Wer sich jetzt für Sardinien entscheidet, erlebt eine Insel ohne Hektik, eine Landschaft, die noch nicht durch die wuchernde Gewerbegebiete oder Landhausvillen verstellt ist und manchmal auch Menschen, die in einer anderen Zeit zu leben scheinen. Eine Reise zwischen Bergen und Meer.

Der Supramonte überragt alles. Der fast weiße Kalkstein-Gebirgszug prägt das Bild der Insel an der Ostküste. Wir fahren hinein mitten in die wilde Gebirgswelt. Unser Fahrer, der zwar als Schweizer zur Welt kam, aber am liebsten Sarde wäre, kennt hier jeden Schleichweg, und sein Range Rover macht auch auf Sträßchen nicht schlapp, die nur aus Schlaglöchern zu bestehen scheinen. Rolf kam vor fast einem Vierteljahrhundert per Zufall nach Sardinien, als er ein neues Ziel für Motorradtouren suchte – und er hat sich so in die Insel verliebt, dass er in Zürich alle Zelte abbrach und mit Frau und zwei Söhnen übersiedelte.
Sardiniens schönste Orte
Rolfs Leidenschaft für die Wahlheimat ist ansteckend. Denn Rolf weiß, wo es auf Sardinien am schönsten ist. Am Stausee, dem Lago del Cedrino, in dessen klarem Wasser der Supramonte Kopf steht. Am Aussichtspunkt unter dem Monte Moccione, wo man über Grün in allen Schattierungen blickt und hinauf auf den Sattel, dahin wo Szenen für den Film „Die Bibel“ gedreht wurden. Tatsächlich wirkt so manches hier, als komme es aus einer anderen Zeit. Die Hirtenhütte etwa, ein Steinhaus ohne Fenster und nur mit einer Feuerstelle in der Mitte. Es werde bis heute genutzt, erklärt Rolf. Die Hirten bräuchten nicht mehr. Manchmal kämen sie zusammen, tränken Wein und stimmten den sardischen Hirtengesang an, den schwermütigen und polyphonen Canto a Tenore, den die Unesco als immaterielles Welterbe adelte. Wir lernen auf dieser Tour zwar auch noch einen Schäfer kennen, aber er singt nicht. Er kocht stattdessen. Mitten im Nirgendwo ist der Tisch reichlich gedeckt mit regionalen Leckerbissen, Schinken und Salami, Lardo und Wildschweinwurst. Es gibt Spanferkel, kross gebraten, aber kein Lamm. Die Schafe, so Rolf, würden vorwiegend hier als Milchlieferanten für den berühmten Pecorino Sardo Käse gezüchtet – und wegen ihrer Wolle.

Strände und Grotten
An der Küste bei Cala Gonone reihen sich die schönsten Strände aneinander, doch die meisten sind nur mit dem Boot zu erreichen – oder auf einem langen, Kräfte zehrenden Fußmarsch. Wir sind mit dem Boot da, auf dem die zierliche Elisa das Sagen hat, während der braun gebrannte Gianfranco das Boot an die Hot Spots der Küste steuert und manchmal sogar hinein in eine der vielen spektakulären Höhlen – Millimeterarbeit. Elisa erzählt von der Grotta del Bue Marino, die lange von Mönchsrobben als Rückzugsort genutzt wurde. Doch die vielen Touristen, die noch bis vor einem Jahr auf Stegen in der gigantischen Tropfsteinhöhle unterwegs waren, haben die Tiere verscheucht.
Wir schippern weiter und machen am Strand von Cala Luna fest, wohl eine der schönsten Buchten des Mittelmeers mit mondsichelförmigem Strand, türkisblauem Meer und mächtigen Karsthöhlen in der hoch aufragenden Felswand. Begrenzt wird die Bucht von einem Bach und blühenden Oleanderbüschen. Jetzt am Morgen verlieren sich ein paar Badende am weitläufigen Kiesstrand. Zwischen den Höhlen sind Fotografen unterwegs auf der Jagd nach dem schönsten Instagram-Motiv. Die meisten kommen per Boot wie wir oder mit der Fähre. Nur wenige trauen sich den anstrengenden Fußmarsch mit seinem Auf und Ab von Cala Fuili aus zu.
Mittagessen auf dem Boot
Gianfranco ist auf der Suche nach ruhigeren Gewässern. Kleine Strände laden zum Bade. Wir springen vor der Cala Mariolu noch einmal in das verlockende türkisblaue Wasser. Denn Elisa und Gianfranco wollen das Boot inzwischen für sich, um den – luxuriösen – Lunch vorzubereiten: Es gibt Meeresfrüchte satt und dazu den wunderbar süffigen Vermentino, schön gekühlt. Zum Abschluss noch ein spektakulärer Blick auf die Cala Goloritzè mit der alles überragenden Felsnadel und einem natürlichen Felsentor. Die Natur hat hier ganz eigenwillige Skulpturen geschaffen. Doch das unter Naturschutz stehende Monument kann seit 2007 nur schwimmend erreicht werden. Boote müssen Abstand halten. Aber auch aus 200 Meter Entfernung lohnt sich der Blick auf die zerklüfteten Felsen, die mal einen Kamelrücken bilden, mal eine Schildkröte oder ein Herz.
Wie hatte Rolf gesagt: „Die Berge Sardiniens sind durchlöchert wie ein Schweizer Käse“. Das gilt auch für die Küste. Die Höhlen sind so zahlreich, dass es früher für Banditen sicher leicht war, einen Unterschlupf zu finden. Heute gilt das nicht mehr. Vor der Neugier der Touristen ist kaum eine Grotte mehr sicher. Simone F. Lucas (SRT)
Sardinien
Corona Es gilt noch eine Ausgangssperre zwischen 23 und 5 Uhr, doch allmählich kehrt der Alltag zurück. Für vollständig Geimpfte und negativ Getestete gibt es keine Einschränkungen mehr.
Jeep-Tour Per Jeep in die Berge und beim Schäfer essen. Buchbar über https://toursardinia.eu. Kosten: 80 Euro.