Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Superlative sind immer gefährlich

Spezial / 19.03.2013 • 22:18 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Es ist so eine Sache mit den Vergleichen. Aber man mag der arg gebeutelten katholischen Kirche ihren Überschwang nachsehen. Endlich einer, der die Fäuste ballt und seinen Kardinälen ein markiges „Vorwärts“ zuruft. Ein lachender, herzlicher Papst. Der noch nie gramgebeugte Vergebungsbitten stammeln musste. Den man nicht in Verbindung bringt mit all den Skandalen, die seine beiden Vorgänger zwar auch nicht alle verschuldet haben, wohl aber ausbaden mussten. Ein unverbrauchtes Gesicht. Es strahlt Zuversicht aus. Das wird wieder was! Die Leute jubeln. Obwohl Papst Franziskus zu den kircheninternen Baustellen noch kein einziges Wort verlor. Oder vielleicht gerade deshalb.

Die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten war am schönsten, als man sich in der ersten Nacht in den Armen lag. Noch hatte Helmut Kohl sein Wort von den „blühenden Landschaften“ nicht gesprochen, das später dann so viel bitteren Nachgeschmack entfalten sollte. Erstmal war alles nur Gefühl. So lange hatte man auf diesen Tag gewartet. Und jetzt . . . unglaublich!

Beinahe so muss sich das dieser Tage anfühlen auf dem Petersplatz in Rom. Dass der alte Kahn, den vornehmlich die Europäer längst leck und sinkend wähnten, wieder flott wird! Unglaublich. Und wo die Attribute nicht mehr reichen, müssen Vergleiche helfen: Vom „Obama-Effekt“ dieses Papstes wird geredet, andere vergleichen ihn mit Gorbatschow und freuen sich auf Glasnost in der Kirche.

Man darf solche Augenblicke auskosten. Diese Tage bringen ja auch so viel Erleichterung zum Ausdruck. Da werden Unkenrufe als unpassend empfunden. Dass dieser Papst in seiner ersten Ansprache den Teufel an die Wand malt, wird überhört. Oder abwiegelnd erklärt: Der ist halt Argentinier. Dort tickt die Kirche anders. Vielleicht wäre es beizeiten durchaus erhellend, wenn man sich schlau machte, wie sie dort tickt, die Kirche. Und vielleicht empfiehlt sich nach all der Begeisterung eine kalte Dusche à la Jesuiten, die diesen Papst ja geprägt haben. Deren deutsche Ordensniederlassung hat die Wahl eines der Ihren zum Obersten Pontifex berückend nüchtern kommentiert. Jeder andere Orden hätte sich selber gefeiert. Die Jesuiten schrieben sinngemäß auf ihre Homepage: „Seine Wahl hat uns überrascht. Unser Orden sieht solche Karrieren nicht vor. Aber, wenn die Kirche ruft, sind wir da.“ Und aus. So sind die. Kühle Köpfe. Gradlinig, einfach, klar. Zielorientiert. Heute erntet Franziskus viel Jubel. Morgen wird er noch eine Menge Menschen vor den Kopf stoßen. ##Thomas Matt##

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