Der Schnee ist speziell in Vail
Die WM beginnt und einige Athleten des Österreichischen Skiverbandes fahren wohl mit gemischten Gefühlen nach Vail/Beaver Creek, ganz anders als bei den letzten beiden Großanlässen in Vail. 1989 gewann Rudi Nierlich beide technischen Bewerbe und bei den Damen triumpherten Renate Götschl und Ulli Maier. Zehn Jahre später konnten dann Hermann Maier und Alexandra Meissnitzer jeweils zwei Goldene einsacken, die Nationenwertung gewann Österreich überlegen.
In dieser Saison lief es bei uns jedoch sehr zäh und dementsprechend sind die Erwartungen für diese WM. In den technischen Bewerben liegen alle Hoffnungen auf Marcel Hirscher, der aber seit Schladming ein Formtief zu durchlaufen scheint. In den Speed-Bewerben kommen unsere Athleten auch nicht richtig auf Touren. Matthias Mayer, Max Franz, Otmar Striedinger etc. sind weit hinter den Erwartungen. Einzig Hannes Reichelt konnte mit dem Sieg am Lauberhorn an seine Leistungen vom letzten Jahr anknüpfen. Dagegen sind die Damen mannschaftlich sehr stark und mischen überall vorne mit. Aber es reicht nicht, wenn Österreich nur auf die Ski-Amazonen zählen kann.
Inzwischen hört man aus dem österreichischen Lager verschiedentlich Stimmen, die die Problematik der aggressiven Schneeverhältnisse im hoch gelegenen und kalten Vail hervorkehren. Als ob man damit schon den vermeintlichen Misserfolg rechtfertigen wolle. Aber was möchten die Trainer mit diesen speziellen Schneeverhältnissen eigentlich sagen? Ein Normalverbraucher kann mit solchen Ausdrücken recht wenig anfangen. Es ist aber eine physikalische Tatsache, dass der Schnee am WM-Schauplatz aggressiver ist als hier bei uns in Mitteleuropa. Da Vail auf 2500 Meter Meereshöhe liegt, kühlt es in der Nacht häufig auf minus 25 Grad und mehr ab. Die Präparation der Rennstrecken zerhackt die Schneekristalle zu mikroskopisch kleinen Nadeln, die sich in dieser Kälte fast wie Beton ineinander verkeilen. In Europa passiert das durch die wärmeren Temperaturen kaum. Der Läufer hat nun beim Rutschen oder Fahren wesentlich mehr Widerstand, wenn er den Ski aufkantet. Ist die Materialeinstellung des Rennfahrers für diese Verhältnisse nicht optimal, können dadurch in allen Disziplinen sehr große Zeitrückstände entstehen.
Auch ich hatte 1989 in Vail mit diesem Problem zu kämpfen. Nachdem ich bei Minus sieben Grad die Kombinationsabfahrt gewinnen konnte, hatten wir zwei Tage später ein letztes Abfahrtstraining vor der Spezialabfahrt. In der Zwischenzeit fiel die Temperatur aber auf minus 30 Grad. Mein Rückstand auf den Schnellsten vergrößerte sich auf unglaubliche sechs Sekunden. Die Spezialabfahrt einen Tag später beendete ich dann mit drei Sekunden Rückstand auf Hansjörg Tauscher auf dem 35. Platz, nachdem ich vorher drei Abfahrten gewinnen konnte.
Ich bin mir sicher, dass unsere Athleten bei dieser WM nicht auf so viel Glück angewiesen sind, um eine Medaille zu gewinnen.
Es reicht nicht, wenn Österreich bei der Ski-WM nur auf die Ski-Amazonen zählen kann.
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