„Im Oktober wurde noch niemals ein Meister gekürt“

Der Altacher Adi Hütter steht vor seinem 100. Spiel als Trainer bei YB Bern
Bern Er genießt den Moment und weiß sehr wohl, welche „Gefahren“ noch auf ihn lauern. Doch Adi Hütter ist auf dem besten Wege, Fußballgeschichte zu schreiben. Der 47-jährige Altacher marschiert in der laufenden Saison mit seinem Klub BSC Young Boys in der Schweizer Super League vorneweg. Eine Ablöse von Abo-Meister Basel scheint nur eine Frage der Zeit, wenngleich Hütter warnt: „Im Oktober ist noch kein Meister gekürt worden. Bis zum Saisonende fließt noch viel Wasser die Aare hinunter.“ In der Hauptstadt allerdings ist bei den Fans die Sehnsucht nach einem Titel groß. Liegt doch der letzte Meistertitel schon eine gefühlte Ewigkeit – 1985/86 mit Spielern wie Georges Bregy, dem Dänen Lars Lunde oder dem Schweden Robert Prytz – zurück.
Platz eins in der Meisterschaft, die Europa-League-Gruppenphase erreicht. Darf Bern nach einer langen Durststrecke vom Titel träumen?
Hütter Die Geschichte wird in Bern von den Medien in jeder Saison, ein- bis zweimal aufgewärmt. Die Sehnsucht nach einem Titel ist natürlich groß, und dass die Fans danach lechzen, ist nur normal nach all den Jahren. Für mich sind nebst den Resultaten auch unsere Entwicklung und die Art und Weise, wie wir spielen, sehr wichtig. Etwa, dass wir z. B. auch ohne unseren verletzten Stürmer Guillaume Hoarau torgefährlich sein können.
Wie groß sind Ihre Erwartungen, wie groß ist der Druck?
Hütter Wir genießen den Moment, immerhin liegen wir ja gerade acht Punkte vor Basel. Aber eine Meisterschaft ist kein 100-Meter-Sprint. Wir sind gut unterwegs, nicht mehr und nicht weniger.
Sie sind nun knapp über zwei Jahre (seit 7. September 2015) Bern-Trainer. Wie lautet Ihr Zwischenresümee?
Hütter Als ich gekommen bin, waren viele ältere Spieler mit langfristigen Verträgen da. Ich wusste, dass wir einen Umbruch einzuleiten hatten. Das war anfangs nicht so einfach. Es ist uns aber sukzessive gelungen, die Mannschaft zu verjüngen und neue Strukturen zu schaffen. Zum Beispiel hatten wir 2016/17 einen Kader von 24 Spielern plus drei Torleuten. Ganze 16 haben im Sommer den Verein verlassen. Wir sind in der Altersstruktur extrem heruntergefahren und haben nach jungen, hungrigen Spielern gesucht. Wir wollen den Klub als Plattform für junge Spieler etablieren. Natürlich wollen wir auch in der Meisterschaft vorne mitspielen, aber es ist auch wichtig, die Spieler zu entwickeln und ihren Wiederverkaufswert zu steigern. Dass wir trotz der Veränderungen zwei Mal in Folge die Europa League erreicht haben, zeigt, dass wir richtig liegen.
In dieser Saison läuft es richtig gut?
Hütter 23 Punkte in zehn Spielen ist gut. Es gibt eigentlich nur einen schwarzen Fleck, das verlorene Heimspiel gegen Thun. Das war zwischen zwei Qualifikationsspielen in der Champions League. Ansonsten bin ich sehr zufrieden. Seit der Länderspielpause im September hatten wir immerhin sieben Spiele in 23 Tagen. Zudem freut mich sehr, dass wir mit Ngamaleu und Nsame zwei Nationalspieler bei Kamerun, mit Assalé und Sanogo zwei bei der Elfenbeinküste und mit Nuhu einen bei Ghana haben.
Am Samstag in Lausanne sitzen Sie zum 100. Mal auf der YB-Trainerbank. Im Sommer 2018 läuft Ihr Vertrag dann aus. Gibt es schon Gespräche?
Hütter So genau hätte ich es gar nicht gewusst, aber ist schon eine schöne Zahl (schmunzelt). Im Hintergrund haben wir bereits erste Vertragsgespräche geführt, in den Medien wird auch schon spekultiert. Fakt ist, dass ich mich in Bern sehr wohl fühle.
Und Österreich? Wir suchen einen neuen Teamchef und Ihr Name ist schon gefallen.
Hütter Das ehrt mich, aber an solchen Spekulationen beteilige ich mich nicht. Meine Gedanken sind zu 100 Prozent in Bern. Grundsätzlich ist es auch so, dass ich noch zu gerne täglich mit einer Mannschaft arbeite. Aber im Fußball kann alles sehr schnell gehen.
Wie sehr haben Sie die aktuelle Entwicklung rund um das ÖFB-Team verfolgt?
Hütter Es interessiert mich sehr. Die Ära Marcel Koller war toll, er hat seine Spuren in Österreich hinterlassen. Aus der Ferne aber steht mir nicht zu, weitere Kommentare abzugeben.
Schauen wir auf Ihren Ex-Klub SCR Altach. Wie beurteilen Sie die Entwicklung?
Hütter Ich bin überzeugt, dass der Klub gut aufgestellt ist. Mit Klaus Schmidt haben sie jetzt einen Supertrainer, einen akribischen Arbeiter, der nichts dem Zufall überlässt, menschlich top und sehr authentisch ist. Es freut mich auch, dass mit Martin Kobras, Philipp Netzer und Andreas Lienhart noch drei Spieler da sind, die ich 2009 nach Altach geholt habe. Sie sind ein Beweis für die Entwicklung.
Mit Nicolas Moumi Ngamaleu haben Sie im Sommer einen Altacher geholt. Was sagen Sie über ihn?
Hütter Er ist ein richtig guter Fußballer, der auch von seiner Schnelligkeit lebt. Er ist in einem physischen Topzustand von Altach zu uns gekommen. Das zeigen seine Werte, wenn er gut 12,6 Kilometer im Match läuft. Über kurz oder lang wird er bei uns sicherlich einen Stammplatz haben. VN-cha
Zur Person
Adi Hütter
hat als Trainer von seinen 99 Spielen bei YB Bern 55 gewonnen – sein Punkteschnitt ist 1,88
Geboren 11. Februar 1970
Ausbildung UEFA-Pro-Lizenz
Erfolge Meister und Cupsieger mit RB Salzburg (2015), Erste-Liga-Meister mit Grödig 2013
Familie verheiratet mit Sabine, eine Tochter (Celina)