Marc Girardelli

Kommentar

Marc Girardelli

„Freiluftsport“

Sport / 11.02.2018 • 22:00 Uhr

Verschobene Abfahrten gab es in der Vergangenheit schon des Öfteren. Für jeden Rennläufer ist das eine besondere Nervenprobe, wobei in Pyeongchang die Rennleitung, auch dank des mittlerweile präzisen Wetterberichtes, frühzeitig reagieren konnte.

Früher war das bei Weitem nicht so. Da wurden wir Athleten an den Start beordert und dann ging das Warten los. Halbstundenweise wurde der Start verschoben. Genau so lange, dass man nirgendwo hinkonnte, um sich zu entspannen, aufzuwärmen oder abzulenken. Manchmal war nur ein luftiges Zelt am Start, wo sich dann alle hineindrängten, wie Pinguine in der Antarktis. Freundschaften wurden da drin auf alle Fälle keine geschlossen.

Aber auch heute ist es für die Athleten eine Belastungsprobe, die Konzentration auf das Rennen hin zu bewahren. Das Gefühl für die einzelnen Schlüssel-Passagen der Strecke zu verinnerlichen. Die Eindrücke des letzten Trainingslaufes Meter für Meter zu konservieren. Die wenigen technischen Herausforderungen dieses „Olympia-Berges“, der vom Anspruch her bestenfalls eine mittelmäßige Trainingsstrecke darstellt, sind jedoch überschaubar. Dieser Berg gibt einfach nicht mehr her. Auf dem Bödele kann man halt einfach keine „Streif“ veranstalten.

Umso mehr zählen da die kleinen und kleinsten Feinheiten, um die nötigen Hundertstelsekunden gegenüber der Konkurrenz herauszuschinden. Da entscheidet oft ein halber Meter, die Linie auf ein Tor oder einen Sprung hin höher oder niedriger zu ziehen. Und das kann man nicht am Reißbrett planen, sondern das muss während der Fahrt im Rennen gefühlsmäßig entschieden werden.

Hier zählt nicht nur das fahrerische Vermögen, sondern auch die mentale Ausdauer.

„Auf dem Bödele kann man halt einfach keine ,Streif‘ veranstalten.“

Marc Girardelli

sport@vn.at

Marc Girardelli zählt mit fünf Gesamt-Weltcupsiegen zu den erfolgreichsten alpinen Rennläufern im Skizirkus.