Alt-Bischof Erwin Kräutler: 80 und noch immer keine Lust auf Pensionisten-Idylle

VN / 11.07.2019 • 12:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Seiner Heimatgemeinde Koblach stattet Erwin Kräutler regelmäßig und immer wieder gerne einen Besuch ab. VN/STIPLOVSEK

Seit 54 Jahren wirkt und werkt der Koblacher nun schon in Brasilien.

Koblach Erwin Kräutler war 26 und ein junger Priester, als er an den Xingu reiste. Mittlerweile sind 54 Jahre ins Land gezogen, aber Erwin Kräutler ist immer noch in Amazonien. Sein Eintreten für die Rechte der indigenen Bevölkerung wurde für den mittlerweile emeritierten Bischof aus Koblach zu einer Lebensaufgabe. Heute wird Kräutler 80. Den Geburtstag feiert er bei „seinen“ Leuten. „Alles andere hätten sie nicht verstanden“, sagt der leutselige Geistliche.

Ist das Alter für Sie eine Belastung?

Nein, ich sage immer, Alter ist angehäufte Jugend. Wir können viel mehr erzählen als junge Leute und haben Erfahrung. Das heißt aber nicht, dass wir über den Jungen stehen. Sie müssen ihr Leben jedoch erst noch bewältigen, wir haben ein großes Stück davon schon bewältigt.

Sie sehen Ihre 80 Lebensjahre demnach auch nicht als Mahnung, etwas kürzerzutreten?

Dass ich das tun soll, sagt mir immer jemand, und in gewisser Hinsicht befolge ich das sogar. Ich mache beispielsweise nicht mehr so viele Vorträge. Früher, wenn ich in Vorarlberg war, hatte ich beinahe jeden Tag einen Termin. Das geht nicht mehr. Auch ich muss auf meine Gesundheit achten.

Wie lange wollen Sie noch in Brasilien bleiben?

So lange der liebe Gott mir Energie und Gesundheit schenkt, so lange mache ich weiter. Offiziell bin ich zwar Emeritus, ich kann mir jedoch nicht vorstellen, jetzt ein idyllisches Pensionistendasein zu führen. Das geht einfach nicht. Ich bin mein Leben lang für die Menschen am Xingu eingetreten. Sie sind mir ans Herz gewachsen, und sie mögen mich auch. Deshalb möchte ich mich noch nicht absetzen.

Wie sieht die Bilanz Ihrer Arbeit aus?

Sehr positiv. Natürlich fragen mich die Leute, ob es nicht frustrierend ist, gegen etwas wie das Kraftwerk Belo Monte zu kämpfen und dann zu verlieren, aber als Bischof und als Christ ist es meine Aufgabe, für die betroffenen Menschen einzustehen, damit ihre Würde gewahrt bleibt. Das größte Erfolgserlebnis in diesem Zusammenhang war, dass wir die indigenen Rechte in die brasilianische Verfassung gebracht haben.

Ist damit ihre Einhaltung gewährleistet?

Das ist ein anderes Problem. Papier nimmt viel an.

Wie gefährlich ist es für Sie, am Xingu zu leben?

Ich stehe inzwischen seit 13 Jahren unter Polizeischutz. Ich kann selbst schwer einschätzen, wie gefährlich die Lage immer noch ist, und ich habe den Schutz auch nicht erbeten. Es ist die Regierung, die ihn ständig verlängert.

Was steckt dahinter?

Vielleicht die Angst mir könnte tatsächlich etwas passieren. Ein Bischof ist doch ein anderes Kaliber (lacht). Auch die österreichische Botschaft hat sich immer für meinen Schutz eingesetzt, das muss ich lobend erwähnen.

Welchen Eindruck haben Sie vom neuen Präsidenten Bolsonaro?

Das ist eine ganz schwierige Situation. Bolsonaro ist ein rechtsextremer Populist, und gerade in den Anliegen, die wir immer verteidigt haben wie zum Beispiel Amazonien und die indigenen Völker, hat er ganz andere Visionen. Er möchte Amazonien für ausländische Unternehmen erschließen. Wenn das passiert und Amazonien zerstört wird, hätte das auch Konsequenzen für die nördliche Halbkugel, denn Amazonien hat eine enorme klimaregulierende Wirkung.

Haben Sie ihn schon kennengelernt?

Persönlich? Nein und ich habe auch absolut kein Bedürfnis, ihn kennenzulernen.

Im Herbst wird es eine Amazonien-Synode geben. Was erwarten Sie sich davon?

Ich hoffe, dass wir einen Schritt weiterkommen. Eines der größten Probleme in dieser Region sind die eucharistielosen Gemeinden. Auch sie haben das Recht, jeden Sonntag eine Messe zu feiern. Deshalb werden die Zugangsmöglichkeiten zum Weihepriestertum auch für Frauen sicher ein Thema bei der Synode sein, denn warum sollen Frauen nicht auch die Weihe erhalten, um Messen zu feiern. Dass dies nur zölibatäre Männer tun dürfen, ist nicht einsichtig.

Hierzulande behilft man sich bei Priestermangel mit Pfarrverbänden…

Das ist eine Palliativlösung.

Wäre das Weihepriestertum auch bei uns denkbar?

Eindeutig, es wird auch kommen, denn die Schaffung von Pastoralräumen bedeutet für die derzeit tätigen Priester angehäufte Verantwortung. Ich weiß nicht, wie lange sie das durchstehen.

Warum tut sich die Kirche so schwer mit Geschlechtergerechtigkeit?

Das frage ich mich auch. Leider habe ich keine Antwort darauf. Auf keinen Fall darf die Frau zum Notnagel werden, das wäre demütigend und diskriminierend