Eleonore Schönborn: Ein sehr bewegtes Leben

VN / 11.04.2020 • 18:00 Uhr
Eleonore Schönborn und ihr Sohn, der Kardinal, aber die Mutter ist auf alle vier Kinder stolz.
Eleonore Schönborn und ihr Sohn, der Kardinal, aber die Mutter ist auf alle vier Kinder stolz.

Am Dienstag nach Ostern wird die Kardinals-Mutter 100 Jahre alt.

Schruns Am Dienstag nach Ostern kann Eleonore Schönborn, die Mutter von Kardinal Christoph Schönborn, auf 100 Lebensjahre zurückblicken. Das hohe Alter hat sie nur körperlich eingeschränkt, nicht aber geistig. Schönborn erzählt aus ihrem bewegten Leben so flüssig, als ob sie aus einem Buch vorlesen würde, und auch am politischen Geschehen zeigt sie sich nach wie vor interssiert.

Zuerst die wichtigste Frage: Wie geht es Ihnen?

Schönborn Ich fühle mich sehr gut, eigentlich nicht anders als sonst. Ein Schienbeinbruch hat mich zwar etwas unbeweglich gemacht, aber mit Unterstützung einer Gehhilfe kann ich mich fortbewegen, und das ist die Hauptsache.

Wie würden Sie kurz „Ihr“ Jahrhundert im Rückblick beschreiben?

Schönborn Ich habe ein sehr spannendes Jahrhundert erlebt.

Das Leben hat Ihnen viel abverlangt. Welches Ereignis empfanden Sie als besonders einschneidend?

Schönborn Der erste tiefe Eingriff in meinem Leben war der frühe Tod meines Vaters. Später brach dann die Nazizeit über uns herein, während der wir verfolgt wurden. Ich erlebte die Besetzung des Sudentenlandes und später Österreichs. Ich durfte nicht studieren…das alles war nicht angenehm.

Was wollten Sie studieren?

Schönborn Ich wollten Geschichte und Archäologie studieren. Leider ist das aus politischen Gründen nicht gegangen.

Was ist Ihnen noch besonders in Erinnerung geblieben?

Schönborn Die Ausweisung aus der Tschechoslowakei. Mein Mann war im Krieg und ich gezwungen, allein mit zwei kleinen Kindern zu fliehen. Untergekommen sind wir bei meiner Schwester in Graz.

Damit war Ihre Odyssee aber noch nicht beendet, oder?

Schönborn Das stimmt. Fünf Jahre zogen wir von einem zum anderen, wie Zigeuner. Wir wohnten bei Verwandten, Freunden, doch deren Geduld erschöpfte sich auch irgendwann.

Wie ging es dann weiter?

Schönborn Als wir nach Vorarlberg kamen, habe ich zu arbeiten begonnen, weil ich arbeiten musste. Ich fand glücklicherweise eine Stelle bei der Firma Getzner, wo ich zuerst Sekretärin und dann Chefsekretärin wurde. Ich war 30 Jahre dort und das sehr gerne. 1950 zogen wir nach Schruns, 1958 folgte die Scheidung von meinem Mann. Es passte einfach nicht mehr. Er ging, und ich blieb mit den vier Kindern da, denn hier ist meine Heimat, hier fühle ich mich ganz und gar zu Hause. Ich bin eine richtige Vorarlbergerin geworden.

Sie haben sich nach der Pensionierung sehr aktiv am Dorfleben beteiligt…

Schönborn Ja, ich war in Schruns in der Gemeindevertretung, ich arbeitete in der Pfarre mit, beteiligte mich an der Gründung des Krankenpflegevereins. Meine absolute Lieblingsbeschäftigung aber fand ich im Heimatmuseum. Für mich war es ein wunderbarer Ersatz für das Geschichtsstudium.

Ihren besonderen Geburtstag werden Sie aufgrund der Coronakrise alleine feiern müssen. Haben Sie Angst vor dem Virus?

Schönborn Ich habe keine Angst, wenn es sein muss, soll es sein. Das liegt in Gottes Hand, aber natürlich tut man alles, um es nicht zu bekommen. Das Fest werden wir sicher nachholen. Ich bin mit meinen vier Kindern trotz allem verbunden. Wir telefonieren.

Sie sind ein sehr gläubiger Mensch. Wie halten Sie es in Zeiten wie diesen mit den Gottesdiensten?

Schönborn Die sind mir wichtig, deshalb verfolge ich sie täglich über das Internet.

Welches wäre ihr größter Wunsch zum Geburtstag?

Schönborn Ich hätte gerne mein Augenlicht zurück. Auf einem Auge bin ich blind, mit dem anderen kann ich zumindest noch die Blumen sehen. Ansonsten will ich nicht klagen. Ich führe ein schönes Leben, und ich habe eine Familie, die mir sehr viel Freude macht.