Vier Schritte zurück
Der Bahnhof speit das Gewühl der Reisenden auf den Vorplatz – Schienenersatzverkehr. Autobusse quellen über. In der hintersten Reihe hat eine Mutter fieberhaft für sich und ihre Kleine Plätze reserviert. Sie verstaut noch rasch den Kinderwagen. Als sie zurückkehrt, sitzen da andere! „So geht das aber nicht!“, faucht sie. Reisende drängen nach. Sie verleihen ihrem Protest Nachdruck.
Die Betroffenen erschrecken. Einsichtig wollen sie die Plätze räumen. Aber es geht nicht. Erst muss die junge Frau zurück. Sie kommen sonst nicht vorbei. Die Mutter aber missdeutet den Vorschlag. Sie gerät vollends in Rage. Das kleine Mädchen auf ihrem Arm greint. „Wieso geht da nix vorwärts?“, tönt es von hinten. „Jetzt machen’s doch endlich die Plätze frei!“, schreit einer von der Seite. Die betroffenen Fahrgäste sind längst aufgestanden. Flink schiebt ihr Nachbar seine Reisetasche unter ihren Pobacken hindurch auf die umstrittenen Sitze. „So, jetzt aber Abmarsch!“ Er muss beruflich Befehlsgewalt ausüben. Seine Untergebenen dürften nicht zu beneiden sein.
Doch das Patt hält an. Der Bus bleibt liegen. Allgemeine Erschöpfung lässt schließlich Einsicht keimen. Schon seltsam: Erst vier Schritte retour bahnen den Weg nach vorn. So können die „Besetzer“ endlich entfliehen. Empörte Blicke bohren sich in ihre Rücken. Ein Hochgefühl wogt durch die Reihen. Die Busgemeinschaft hat Gerechtigkeit geübt! Nur das Kleine flennt noch immer laut und unabsehbar. Widerwillig zieht der Mann mit dem Kasernenhofton die Reisetasche wieder auf seine Knie zurück. Er versucht dabei ein galantes Gesicht. Es misslingt ihm gründlich.
Thomas Matt
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