Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Kommentar: Das große Schweigen durchbrechen

VN / 27.10.2025 • 16:16 Uhr

Und wieder einmal ein erschütternder Missbrauchsfall um einen Mann von bisher großer gesellschaftlicher Reputation: Hermann Gmeiner, vielfach ausgezeichneter Gründer der SOS-Kinderdörfer, soll ein Missbrauchstäter gewesen sein. Vergangene Woche ging die Organisation selbst mit den schweren Missbrauchsvorwürfen gegen ihren 1986 verstorbenen Gründer an die Öffentlichkeit. Gmeiner steht im Verdacht, in den 1980er-Jahren an zumindest acht minderjährigen Buben „sexuelle Gewalt und Misshandlungen“ ausgeübt zu haben.

Die ersten intern dokumentierten Hinweise auf Vorwürfe gegen Gmeiner existieren laut SOS-Kinderdorf schon seit 2013. Die Betroffenen sollen damals ein Opferschutzverfahren durchlaufen haben, mit bis zu 25.000 Euro entschädigt worden sein, zudem wurden die Kosten für ihre Therapie übernommen. Die Organisation kündigte nun eine umfassende Aufarbeitung und ihre völlige Neuaufstellung an – nach zuletzt öffentlich gewordenen Vorwürfen von Missbrauch und Gewalt gegen SOS-Kinderdorf an Standorten in Kärnten, Tirol oder Salzburg wohl auch die einzige Möglichkeit für die Institution, für den eigenen Weiterbestand zu kämpfen.

Willkür und Machtmissbrauch

Warum dieses unerträgliche Schweigen, über so lange Zeit? Gewalt und Missbrauch entstehen in vielen tradierten Systemen, in denen Menschen leben oder arbeiten, die von anderen abhängig sind. Ob in Kinderheimen, Schulen, Pflegeinstitutionen, aber auch in Medienkonzernen oder in Hollywood. Was all diesen Systemen, ob kirchlich oder säkular geprägt, gemeinsam ist: Die Abgeschlossenheit nach außen, die Machtverteilung, wenig oder gar keine Kontrollmöglichkeiten der Mechanismen durch die Öffentlichkeit. Wenn Einzelne ungeprüft zu viel Macht über andere haben, kann das Willkür und das schamlose Ausleben von Willkür ermöglichen.

Aus der Gewaltforschung wissen wir, dass Betroffene oft aus Angst und Beschämung über ihre Erfahrungen schweigen. Das Schweige-Diktat von oben und das Verstummen der Opfer führt zu einer allgemeinen tiefen Sprachlosigkeit in diesen Systemen. Mit Strafen und Aufklärung der Taten alleine wird man derartige Probleme nicht lösen können. Transparenz und Kontrolle können die schärfsten Waffen im Kampf gegen den Missbrauch sein: Mit mehr Einblick von außen in die Institutionen, inneren und äußeren Kontrollmechanismen. Darüber hinaus geht es aber um unsere gemeinsame gesellschaftliche Anstrengung, endlich eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich kein Opfer von Machtmissbrauch, Gewalt oder Übergriffen schämt und meint, sich dem großen Schweigen unterwerfen zu müssen. Sondern gesehen und gehört wird.

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.