Kolumne: Der Brief

VN / 23.12.2025 • 16:16 Uhr
Kolumne: Der Brief

„Der Brief lag auf dem Fußabstreifer und sah aus, als wäre er geöffnet und wieder schlampig zugeklebt worden.“

Das erzählte mir die Frau im Regen. Sie hielt den Schirm über mich, was aber zur Folge hatte, dass wir beider nass wurden. Wir stellten uns beim Postamt unter, und sie erzählte weiter.

„War der Brief von meiner Enkelin, die lange schon nicht mehr bei ihren Eltern lebte, die in die Welt hinaus gezogen war? Und jetzt schrieb sie mir, ihrer Großmutter? Ich hielt den Brief in den Händen, roch den Klebstoff. Ja, Klebstoff, wie man ihn verwendet, um Schuhe zu reparieren. Ich schaute auf die Handschrift. Wer, den ich kannte, hatte eine so schräge Schrift? Sah aus, als berühre sie den Boden. Die Unterlängen wie dünne Beinchen, hinein in die Oberlängen der nächsten Zeile. Das war nicht die Schrift meiner Enkelin. Innen dann fand ich das Foto meiner Enkelin, wie ich sie gekannt hatte. Sie lehnt an einer Mauer und schaut auf den Boden. Also sehe ich nur ihre Augenlieder, die feine Nase und den Mund, an dem sie schleckt. Nur ihr Foto, keine Nachricht. Ich war beunruhigt, Maddy war immer mein Liebling gewesen. Tage später erreichte mich wieder ein Kuvert mit derselben schrägen Schrift. Darin nun der dazugehörige Brief einer alten Dame. Sie schrieb, sie nehme an, Maddy habe ihren ersten Brief geöffnet und gelesen und ihn entfernt, dann das leere Kuvert mit dem Foto abgeschickt. Die Dame schrieb, sie kenne Maddy nun seit einem halben Jahr. Sie habe im Englischen Garten auf ihrer Lieblingsbank geschlafen, eingerollt. Sie habe vor Kälte gezittert, und da habe sie Maddy zu sich nach Hause genommen, so als wäre sie ihre Enkelin, und habe sie bei sich wohnen lassen. Maddy habe ihr von mir, ihrer Oma erzählt, ich sei die Einzige, die sie liebhabe. Nun sei Maddy aber wieder verschwunden, ohne ein Wort. Lang könne es nicht her sein, denn auf ihrem Schlafkissen war noch der Abdruck ihres Kopfes und ein paar hellbraune Haare lagen auf dem Leintuch. Sie mache sich Sorgen, und sollte ich etwas von ihr hören, bitte melden. Sie selber habe nie eine Enkelin gehabt und Maddy sei ihr ans Herz gewachsen. So ein bescheidenes Mädchen. Sie wolle ihr die kleine Figur der Venus von Willendorf, die ihr so gefallen hat, hinterlassen. Ich habe ihr gesagt, manche Leute behaupten die Figur sehe aus wie eine Zitronenpresse. Das habe Maddy gemein gefunden.“

Das erzählte mir die Frau im Regen.

„Und dann“, erzählte sie weiter, „am Heiligen Abend läutete es an meiner Tür, und Maddy stand davor. Sie schleckte an den Lippen, wie es so ihre Gewohnheit war, schon als sie noch nicht reden konnte. Das war mein schönstes Weihnachten. Ich rief die Dame an. Das war ihr schönstes Weihnachten.“

Ich bedankte mich für die Geschichte. Ich dachte, ich werde sie aufschreiben.

„Und jetzt Sie“, sagte die Frau.

„Was ich?“

„Ihre schönste Weihnachtsgeschichte.“

Also erzählte ich ihr meine schönste Weihnachtsgeschichte.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems