Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Streiflicht: Ganz andere Könige

VN / 06.01.2026 • 14:30 Uhr

Das neue Jahr beginnt mit einer Lüge. „Die Fahrkarten bitte!“, verlangt der Kontrolleur. Das Mädchen wendet sich zum Fenster und telefoniert eifrig. Die Masche kennt er und wartet. Möchte ihr Ticket sehen. Sie hat keines. Ihre Jahreskarte liege zu Hause. Führerschein, Personalausweis? Nichts. „Nichts ist zu wenig“, sagt der Kontrolleur und bittet sie freundlich, demnächst auszusteigen.

Nun ist die Lüge viel zu klein für einen Jahreswechsel. Unvollständig ist sie auch. Sie erzählt nicht, wie der ganze Waggon leise lächelte. Sie verschweigt, dass der Kontrolleur von einer Strafe absah. Sie erwähnt nicht, wie oft man selbst schon ohne Fahrschein pochenden Herzens unterwegs war. Sie ist so ganz anders als die großen Lügen, die uns die unheiligen Könige auf der Weltbühne täglich auftischen.

Die drei heiligen Könige nehmen sich dagegen sonderbar aus. Was tut so ein König eigentlich? Er herrscht. Was noch? Er sonnt sich. Worin? Im eigenen Glanz. Dafür braucht er ein Gefolge, das ihn bewundert. Oft lügt das Gefolge, um des eigenen Vorteils willen. Aber dem König schmeichelt es. Die drei Könige aus der Bibel dagegen wandern allein. Sie beschenken ein Kind, statt sich zu bereichern. Sie beugen die Knie, statt andere zu beugen. Edelmut und Hochmut trennen weit mehr als vier Buchstaben.