Streiflicht: Überlebensfragen

In Gefahr rüstet der Mensch sprachlich auf: Erst vor „General Winter“ streckt er die Waffen. Dann aber schleicht er in die gute Stube, denn so viel Winter war nie. Tiefverschneite Kindertage? Das kann nicht sein! Schon als die erste Schneewolke am Wetterradar aufzog, kreiste in sozialen Medien die bange Frage: Können wir Winter? Und klamme Finger drehten die Heizung um zwei Grad höher.
Das neue Jahr packt alle am Ehrgeiz: Gegen Naturgewalten kämpfen die einen, gegen den inneren Schweinehund die anderen. Die einen hoffen auf Tauwetter, die anderen darauf, dass die britische Initiative ‚Dry January‘ bald endet. Influencer versichern ihren Jüngerinnen und Jüngern, dass sie sich auch ohne Prosecco total gut fühlen. Wenn sie am 1. Februar dann wieder ein Glas an die Lippen führen, tun sie das mit überlegener Attitüde.
Den Schnee, die Mini-Abstinenz – überlebt. Was für ein Hochgefühl. Das Wort „Überleben“ klingt freilich groß für kalte Finger. Für andere ist es wörtlich. Wie müssen Menschen aus dem Iran wohl staunen, die dem Blutbad in ihrer Heimat entronnen sind und in dieser Realität ankommen.