Kommentar: Kindermord

VN / 14.01.2026 • 15:15 Uhr
Kommentar: Kindermord

Am 23. Mai 2025 wurden bei einem israelischen Luftangriff auf die im südlichen Gazastreifen gelegenen Stadt Khan Younis neun Kinder einer palästinensischen Ärztin, die zu diesem Zeitpunkt bei der Krankenhausarbeit war, getötet. Nur ein Kind und ihr Mann, ebenfalls Arzt, überlebten schwer verletzt. Etwa zur selben Zeit verlor ein junger ukrainischer Familienvater durch einen russischen Raketenangriff auf ein Wohngebiet in Kiew seine Frau und drei Kinder. Laut einem aktuellen UNICEF Bericht wurden im Gazastreifen seit Beginn des Krieges mehr als 20.000 Kinder getötet, über hundert übrigens seit dem Waffenstillstand im Oktober 2025, und weitere 30.000 schwer verletzt. In der Ukraine sind bis heute mindestens 745 Fälle getöteter und über 2000 schwer verletzter Kinder verifiziert, dies alles bei einer wahrscheinlich sehr hohen Dunkelziffer.

Kindermord, der hier keinesfalls gegen die Tötung von Frauen, jungen Männern oder kranken und alten Personen ausgespielt werden soll, gilt in der zivilisierten Welt emotional und moralisch zurecht als eines der schrecklichsten Verbrechen. Denn er trifft menschliche Wesen, die sich nicht wehren können, die vollständig auf den Schutz durch die Erwachsenen angewiesen sind, denen ein Leben mit all seinen Möglichkeiten genommen wird, noch bevor es sich entfalten kann. Kinder sind die unschuldigsten Opfer, die weder für die angeblich unrechte ukrainischen Politik noch den PLO-Überfall auf Israel auch nur im Geringsten verantwortlich sind. Kindermörder gehören deshalb, sofern es sich nicht um psychisch kranke Menschen handelt, weiterhin verfemt und entsprechend unseren Gesetzen streng bestraft.

Dies alles scheint unter dem Deckmantel des Krieges keine Rolle zu spielen. Wir alle nehmen das mehr oder weniger achselzuckend zur Kenntnis. Die Kriegstreiber rechtfertigen sich, wenn überhaupt, mit der Unvermeidbarkeit solcher Tragödien bei den Kampfhandlungen, mit nicht gewollten Querschäden, mit der eigentlichen Schuld auf der gegnerischen Seite. Nichts aber zeigte die Grausamkeit und Perversität des Krieges sowie die Primitivität und Unmenschlichkeit der Kriegstreiber mehr als die toten Kinder. Hier scheint sich ein unter Kriminalisten verbreitetes zynisches Wort auch im Hinblick auf Kinderopfer zu bewahrheiten: „Wer einen Menschen umbringt, ist ein übler Verbrecher. Wer zehn Personen tötet, wird zum (bösen) Medienstar gemacht. Und wer hunderte Menschen ermordet, lässt sich als Kriegsheld oder großer Staatsmann feiern.“  

Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.