Streiflicht: Unter Menschen

VN / 27.01.2026 • 17:41 Uhr
Streiflicht: Unter Menschen

Manche Begegnungen hallen nach. Als die beiden Frauen sich verabschieden, umarmen sie sich nach kurzem Zögern. Lang und innig. Sie waren sich zufällig begegnet. Das Gespräch begann beiläufig, vielleicht weil sie in dieselbe Richtung sahen. Ihre Blicke glitten über den spiegelglatten See, bis der Horizont im aufkommenden Nebel verschwand. 

Erstaunlich war das: Nur wenig später erzählten die beiden Unbekannten einander aus Kindertagen. Die Augen leuchteten, sobald die Rede aufs Wandern kam, dem beide Frauen offensichtlich verfallen waren. Orte und Routen nahmen Gestalt an, als lägen dort die Schätze gemeinsamer Erinnerung. Als sie sich trennten, weil beide weiter mussten, blieben sie noch lange beieinanderstehen.

Manche Begegnungen hallen eben nach. In einer Zeit, in der paramilitärische Gruppen in der ehemaligen Paradedemokratie USA Jagd auf Einwanderer machen und manche auch hierzulande das Fremde wieder zum Trennenden hochstilisieren, klingt es wie ein Trost: Es gibt noch Seelenverwandtschaft. Vertrautheit wächst auch ohne Geburtsurkunde, einfach, weil Menschen sich begegnen.