„Ich wollte meine toten Kinder nicht verleugnen“ – heute ist Fabienne Mutter von Zwillingen

Nach zwei Fehlgeburten wird Fabienne erneut schwanger – mit eineiigen Zwillingen. Sie spricht über den Verlust, Schuldgefühle und den Wunsch nach mehr Offenheit.
Region Die Zwillinge Lina und Lara (Namen von der Redaktion geändert) kamen am Weltfrauentag, 8. März, zur Welt – neun Wochen zu früh, per Kaiserschnitt. Als Fabienne ihre Töchter zum ersten Mal sah, lagen sie auf der Intensivstation, umgeben von Schläuchen und Monitoren. Sie wogen zusammen nicht einmal drei Kilogramm. Bis zu diesem Tag lag ein langer Weg voller Hoffnung und Verlust hinter ihr und ihrem Partner Alex.
Im Herbst 2021 beschlossen sie, eine Familie zu gründen. Über ein Jahr blieb der Schwangerschaftstest negativ. „Das war zermürbend“, sagt Fabienne. Als sie ein Jahr später endlich einen positiven Test in den Händen hielt, sagten sie einen bereits vereinbarten Termin in der Kinderwunschklinik ab. Die Freude war groß, sie teilten die Nachricht gleich mit Familie und Freunden. Kurz vor Weihnachten verlor sie das Kind im Krankenhaus.

Nachdem keine Herztöne festgestellt werden konnten, bekam sie eine Tablette, die den Abgang auslöste. Fabienne ging auf die Toilette und schied einen großen Blutklumpen aus. Geistesgegenwärtig spülte sie. „Ich habe mein Kind im Klo runtergespült.“ Tränen rinnen über ihre Wangen. „Ich hätte es gerne mit nach Hause genommen und es vergraben.“
„Mit dem Verlust platzt alles“
Sie brauchte einige Monate, um den Kindsverlust zu verarbeiten. Dann besuchte sie die Kinderwunschklinik. Beim dritten Eizellentransfer im März 2024 wurde sie erneut schwanger – und verlor auch dieses Kind. „Mit einem positiven Test beginnt sofort die Vorstellung von einer gemeinsamen Zukunft“, sagt sie. „Und mit dem Verlust platzt alles.“
Rund zehn bis 15 Prozent der Schwangerschaften enden in einer Fehlgeburt. Wenn man frühe Abgänge einrechnet, liegt der Anteil bei bis zu 30 Prozent. Öffentlich wird meist erst nach der zwölften Woche über eine Fehlgeburt gesprochen, weshalb viele Betroffene vorher im Stillen trauern. Fabienne hatte ihre Freude sofort geteilt – und musste den Verlust ebenso offen machen. „Ich wusste nie, was ich antworten soll, wenn mich jemand fragte, ob ich Kinder habe“, sagt sie mit gebrochener Stimme. „Ich wollte meine toten Kinder nicht verleugnen.“
Die zweite Fehlgeburt erlitt sie zu Hause. Sie wollte ihrem toten Baby ermöglichen, natürlich zur Welt zu kommen. Dort konnte sie das Kind auffangen. Gemeinsam legten sie es in eine mit Watte ausgelegte Walnussschale und begruben es. Auf das Grab pflanzten sie einen Baum. „Das war heilsam“, sagt sie. Bei den „Sternenmamis“ suchte sie Trost und Halt. „Die haben verstanden, wie es mir geht.“
Jeden Monat hoffte Fabienne, dass ihre Periode ausblieb. Gleichzeitig hatte sie Angst, das Baby wieder zu verlieren. Im Mai 2024 beschlossen sie und ihr Partner, eine Pause einzulegen und verreisten. „Ich habe auf nichts geachtet und einfach gelebt“, erinnert sie sich. Und dann geschah es wie von selbst: Sie wurde schwanger – mit eineiigen Zwillingen, die sich eine Plazenta teilten. Eine risikoreiche Konstellation.

Die Schwangerschaft war weder einfach noch sorgenfrei. „Ich habe die Tage gezählt und viel mit den Zwillingen im Bauch geredet, dass wir alles für sie tun und auf sie warten werden.“ Von Beginn an wurde die Schwangerschaft engmaschig kontrolliert. Ab der 30. Woche war Fabienne täglich im Krankenhaus. Dann bekam sie eine Schwangerschaftsvergiftung. In der 32. Woche mussten die Mädchen per Kaiserschnitt geholt werden.
Drei Wochen auf Intensivstation
Lina wog 1020 Gramm, Lara 1630 Gramm. Drei Wochen lagen sie auf der Intensivstation. Fabienne sah vor allem Schläuche, Nadeln, Masken. „Ich sah nichts von meinem Baby außer die Augen.“ Neben der Erleichterung mischte sich Schuld. „Ich habe es nicht geschafft, die Kinder weiter auszutragen und ihnen somit die beste Entwicklung zu geben.“ Fabienne nahm therapeutische Hilfe in Anspruch, um das Erlebte zu verarbeiten und zu lernen, dass sie keine Schuld trägt.
Trotz allem blieb der Wunsch nach einem weiteren Kind – getragen von dem Wunsch nach Normalität. „Ich wünsche mir eine Schwangerschaft, die ich genießen und bis zum Ende erleben darf. Mir wurde das letzte Trimester genommen.“ Zu oft hatte sie erlebt, wie zerbrechlich die Hoffnung ist. „Ich weiß, dass es vielen Frauen so geht und wir sollten endlich offen darüber sprechen dürfen.“