Kommentar: Jugend ohne Job

Rund 6600 Jugendliche in Vorarlberg, die weder arbeiten noch sich in einer Ausbildung oder einer AMS-Schulung befinden, sind viel zu viele. Es grenzt jedoch an ein Wunder, dass es nicht noch mehr sind: Fast die Hälfte hat Migrationshintergrund, ein Teil ist wohl im Rahmen der großen Fluchtbewegungen der vergangenen Jahre ins Land gekommen. In den 2000er Jahren hatte es keine vergleichbaren Bewegungen gegeben. Umso bemerkenswerter ist, dass der Anteil der 15- bis 24-Jährigen, die nach formalen Kriterien nichts tun, mit zuletzt 14,9 Prozent kaum größer war als 2009 (14,1 Prozent): Es zeugt davon, dass Integrationsbemühungen im Land wirken, ob ihm Rahmen von Deutschkursen oder sonstigen Maßnahmen. Das ist immerhin etwas.
Und darüber hinaus eine Bildungspflicht bis 25. Jedenfalls für diejenigen, die noch keinen Abschluss haben.
Trotzdem bleibt das Ganze alarmierend. Auch wenn man zusätzlich berücksichtigt, dass Jugendliche, die mit Unterstützung ihrer Eltern einfach nur die Zeit zwischen Matura und Studium ausdehnen, um zu reisen und zu leben, ebenfalls zu all jenen gezählt werden, die nichts tun.
Das Problem ist unterm Strich trotzdem zu groß. Erstens: Diese Woche ist bekannt geworden, dass in Vorarlberg schon relativ viele Volksschüler vorgegebene Standards nicht erreichen, wobei man befürchten muss, dass sie das nie mehr tun werden. Zweitens: Die meisten eingangs erwähnten Jugendlichen unterliegen keiner Bildungspflicht; diese endet mit 18. Sie können, salopp formuliert, tun und lassen, was sie wollen. (Sie dürfen andererseits aber auch nicht damit rechnen, dauerhaft Sozialhilfe zu erhalten, weil auch damit Auflagen verbunden sind.) Drittens: Überproportional viele haben Migrationshintergrund, über 50 Prozent verfügen jedoch über keinen solchen. Es ist also etwas, was auch „Einheimische“ betrifft.
Viertens: Es liegt auf der Hand, dass anhaltende Untätigkeit in Verbindung mit Bildungsdefiziten schier ewig zum Nachteil der Betroffenen ist. Wenn überhaupt etwas, werden sie eher nie genug verdienen, um damit ein finanziell abgesichertes Leben führen zu können; von den Pensionsansprüchen gar nicht zu reden. Fünftens: Sie bilden ein „verlorenes Potenzial“, wie es AMS-Landesgeschäftsführer Bernhard Bereuter formuliert.
Damit gemeint ist dies: In Vorarlberg wächst die Bevölkerung zwar noch (leicht), jene im erwerbsfähigen Alter beginnt jedoch zurückzugehen. Daher wird möglichst jeder und jede gebraucht, damit die Gesundheitsversorgung und die Pflege halbwegs aufrechterhalten werden können und auch der Industrie und dem Gewerbe genügend Fachkräfte zur Verfügung stehen.
Insofern gibt es ein individuelles und ein allgemeines Interesse, den Anteil der 15- bis 24-Jährigen ohne Job oder laufender Ausbildung zu senken und zumindest zu halbieren: Durch verstärkte Bemühungen beginnend ab dem Vorschulalter, um allfällige Defizite wettzumachen. Und darüber hinaus durch eine Bildungspflicht bis 25. Jedenfalls für diejenigen, die noch keinen Abschluss haben. Das würde jenen zugutekommen, die vor dem 18. Geburtstag zum Beispiel aufgrund einer persönlichen Krise aus dem System gekippt sind; und jenen, die, sagen wir, Anfang 20 als Geflüchtete zuwandern und noch kein Wort Deutsch können.
Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.