Kommentar: Wenn Frauen führen dürfen – aber nur im Ausnahmezustand

Es ist ein wiederkehrendes Muster in Politik, Wirtschaft und öffentlichen Institutionen: Wenn die Lage schwierig wird, übernimmt plötzlich eine Frau. Kaum beruhigt sich die Situation, beginnt die Suche nach einem Mann für die langfristige Führung.
Die Forschung hat für dieses Phänomen längst einen Namen: „Glass Cliff“ – die gläserne Klippe. Der Begriff beschreibt, dass Frauen häufiger dann in Führungspositionen berufen werden, wenn Organisationen bereits in Schwierigkeiten sind. Die Ausgangslage ist riskant, die Erwartungen hoch, der Handlungsspielraum begrenzt.
Die britischen Organisationsforscherinnen Michelle Ryan und Alex Haslam konnten in mehreren Studien zeigen, dass Unternehmen eher Frauen an die Spitze holen, wenn ihre wirtschaftliche Lage instabil ist. In stabilen Phasen hingegen bleiben Führungspositionen häufiger in männlicher Hand. Der Zugang zur Macht entsteht damit nicht über Vertrauen, sondern über Risiko.
Für die Karrieren von Frauen hat das Konsequenzen. Wer eine Organisation übernimmt, die bereits unter Druck steht, hat statistisch schlechtere Erfolgschancen. Gleichzeitig wird ein Scheitern bei weiblichen Führungskräften stärker personalisiert. Wenn ein Mann scheitert, gilt oft der Markt als Schuldiger. Wenn eine Frau scheitert, wird ihre Führungsfähigkeit infrage gestellt.
So entsteht ein paradoxer Mechanismus: Frauen gelangen zwar zunehmend in Spitzenpositionen – aber oft unter Bedingungen, unter denen Erfolg besonders schwer zu erreichen ist.
Die eigentliche Gleichstellungsfrage lautet daher nicht mehr nur: Kommen Frauen an die Spitze? Sondern: Unter welchen Umständen dürfen sie dort führen?
Echte Gleichstellung würde bedeuten, Frauen nicht nur dann Verantwortung zu übertragen, wenn eine Organisation in Schwierigkeiten ist. Sie müssten genauso selbstverständlich jene Positionen übernehmen, in denen Wachstum gestaltet, Strategien entwickelt und Erfolge verwaltet werden.
Dafür braucht es mehr als gute Absichten. Auswahlprozesse für Führungspositionen müssen transparenter werden, Netzwerke offener und Karrierewege planbarer. Vor allem aber braucht es einen kulturellen Wandel im Verständnis von Führung.
Solange Frauen vor allem dann gefragt sind, wenn es brennt, bleibt Gleichstellung ein Kriseninstrument.
Der Fortschritt wäre erreicht, wenn eine Frau an die Spitze kommt – nicht weil eine Organisation in Schwierigkeiten ist, sondern weil sie die Beste für eine Phase des Erfolgs ist.
Bis dahin bleibt der Eindruck: Für den Erfolg vertraut man Männern – für die Krise den Frauen.
Helga Boss ist selbstständige Unternehmensberaterin, Dozentin an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Mutter von zwei Kindern.