Danke sagen reicht nicht

Am Muttertag wird gern gedankt. Für Liebe, Fürsorge, Verzicht. Das ist freundlich gemeint und politisch bequem. Denn solange Mutterschaft vor allem gefeiert wird, muss man weniger genau hinschauen, was sie Frauen bis heute kostet.
Meine Mutter wurde 1946 geboren. Ihre Mutter gehörte noch zu jener Generation, in der ein Ehemann mitentscheiden konnte, ob seine Frau arbeiten geht. Meine Mutter konnte das bereits selbst entscheiden. Doch als sie Kinder bekam, gab es für viele Frauen noch keine echte Karenzlösung. Wer Mutter wurde, musste oft kündigen.
Später kamen Mutterschutz, Karenz, Mutter-Kind-Pass, Kinderbetreuungsgeld und Betreuungsangebote. Das war Fortschritt. Kein kleiner. Frauen sind heute rechtlich gleichgestellt, gut ausgebildet und in hohem Maß erwerbstätig. Auf dem Papier sieht das nach Erfolg aus. Genau darin liegt die Täuschung.
Frauen sind beschäftigt. Aber zu oft reduziert. Sie sind qualitfiziert. Aber zu selten in Führung.
Denn die Frage lautet nicht mehr: Dürfen Frauen arbeiten? Sie lautet: Können sie so arbeiten, dass daraus ökonomische Unabhängigkeit, beruflicher Aufstieg und echte Wahlfreiheit entstehen? Hier wird die Bilanz nüchterner. Gewachsen ist vor allem Teilzeit, nicht Vollzeit. Viele Mütter reduzieren nicht aus romantischer Neigung zur Halbtagsarbeit, sondern weil Betreuung, Schulzeiten, Pflegearbeit und Arbeitswelt weiterhin nicht zusammenpassen.
Das ist kein individuelles Organisationsproblem. Es ist ein strukturelles. Frauen sind heute selbstverständlich Teil des Arbeitsmarkts, doch der Arbeitsmarkt ist noch immer nicht selbstverständlich auf Elternschaft ausgerichtet. Wir haben Familienleistungen geschaffen, aber Väterverantwortung nicht ausreichend normalisiert. Wir haben Kinderbetreuung ausgebaut, aber nicht überall so, dass Erwerbsarbeit wirklich möglich wird.
Die großen Fortschritte der Vergangenheit kamen nicht durch Sonntagsreden. Sie kamen durch Rechte, Infrastruktur und klare politische Entscheidungen. Genau diese Entschlossenheit fehlt heute. Wir stehen nicht vor einem Rückschritt, sondern vor einer stillen Stagnation. Frauen sind beschäftigt. Aber zu oft reduziert. Sie sind qualifiziert. Aber zu selten in Führung. Sie tragen bei. Aber nicht im gleichen Ausmaß zum eigenen Einkommen, zur Pension und zur Machtverteilung.
Ich würde mir wünschen, dass Kinderbetreuung als Infrastruktur verstanden wird, nicht als Familienhilfe. Dass Väterkarenz beruflich so normal wird wie Mutterschaft. Dass Führungspositionen nicht an permanente Verfügbarkeit gekoppelt werden. Dass Teilzeit nicht zur Sackgasse wird. Und dass Unternehmen Vereinbarkeit nicht an Imagebroschüren messen, sondern an Karriereverläufen, Einkommen und Entscheidungspositionen von Frauen mit Kindern.
Der nächste Schritt der Gleichstellung beginnt dort, wo Mutterschaft nicht mehr nur bewundert, sondern strukturell ernst genommen wird.
Helga Boss ist selbstständige Unternehmensberaterin, Dozentin an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Mutter von zwei Kindern.