Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Kolumne: Morgenland – eine Geschichte in zehn Teilen, erster Teil

VN / 26.05.2026 • 15:00 Uhr

Im Zug nach Hamburg erzählte mir eine Frau die folgende Geschichte:

Bei aufgehender Sonne wurden zur gleichen Zeit zwei Kinder geboren, ein Mädchen, ein Junge. Die Väter waren Freunde. Sie schlugen in Verzückung ihren Kopf aneinander und einer der beiden stieß einen Freudenschrei aus. Gleich kam eine Schwester und beklagte den Lärm. Es war für die Väter als hätten sich die Neugeborenen das Jawort gegeben. Die Mütter lagen erschöpft in den Betten, das Neugeborene an ihrer Brust. Ein Vater stürmte zu seiner Frau und nahm seinen Jungen, der andere ging behutsam zu seiner Frau und staunte über sein schönes Mädchen.

Das Mädchen wird die Frau werden, von der ich erzähle.

Auf einer langen Zugfahrt habe ich die Frau getroffen. Sie saß mir gegenüber, ein blauer Rock bedeckte ihre Beine bis zu den Fesseln, ihre Haare waren unter einem Tuch verborgen, eine dunkle Locke schaute hervor, absichtlich oder unabsichtlich. Sie war in meinem Alter, und wir sahen uns ins Gesicht. Gleich war Sympathie da. Das gibt es. Ich fragte sie in ihren freundlichen Blick, wohin sie fahre. Nach Hamburg wie ich.

„Ach“, sagte sie und seufzte von ganz tief unten, „wir Frauen!“

Ich sagte, wie bei einem Spiel, auch: „Ach, wir Frauen!“

Das meinte, wie verletzt wir Frauen vom Leben doch sind. In unserem Alter sind alle Menschen verletzt. Zu dieser Zeit aber fühlte ich mich sehr gesund, ich hatte mich neu in meinen Mann verliebt. Das gibt es. Eine Zeitlang war er mir fremd geworden in den staubigen Jahren, und dann war alles beinahe wie früher, nur tiefer, nicht so übermütig. Oder vielleicht doch übermütig, eine Torheit vor dem Tod. Bald hätte ich geschrieben: eine Torheit vor dem Tor.

„Ayse“, sagte sie, „mein Name. Und du?“

Kurz überlegte ich, einen erfundenen Namen zu sagen. Wegen der Torheit. Friderike, weil ich als Kind Friederike heißen wollte, wie die Besitzerin eines Zirkus. Ich habe es mein ganzes Leben nicht geschafft, einmal als eine Friederike zu gelten. Einmal hat mich eine Zirkusvorstellung verzaubert – ich flog wie ein Vogel in einem silbrigen Kostüm über der Zirkuskuppel, das hatte ich mir mit geschlossenen Augen eingebildet, ich hörte den Applaus, den tosenden, ich saß in der dritten Reihe und hielt mich an der Stuhllehne fest. Da war ich eine Friederike. Aber im Stillen. Einbildung ist mein größtes Talent … – Ich nannte meinen richtigen Namen und gab der fremden Frau die Hand, zwei alte Hände, ihre mit angemalten roten Nägeln, meine mit kurz geschnittenen.

Ich kann mir nicht erklären, warum sie mir in solcher Eile ihr Vertrauen schenkte. Sie drückte sich so aus – „in Eile das Vertrauen schenken“. Sie wollte ihre Geschichte loswerden.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.