Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Kolumne: Morgenland – eine Geschichte in zehn Teilen, zweiter Teil

VN / 03.06.2026 • 11:00 Uhr

Im Zug nach Hamburg erzählte mir eine Frau die folgende Geschichte:

Sie wechselte auf meine Seite, so saßen wir eng aneinander, ich roch ihr Patschuli und erinnerte mich an die Zeit, in der ich den Duft verwendet. hatte, da war ich siebzehn, es wirke aphrodisierend, das gefiel mir damals. Ich bildete mir ein, durch diesen Duft bleibe die Erinnerung. Bei Ayse wirkte Patschuli beinahe aufdringlich. Sie drehte ihr Gesicht zu meinem, ihr Mund nahe, nahe die Augen, kein Platz für ein Geheimnis. Sie fuhr in ihrer Erzählung fort:

Als ich noch nicht geboren war, wohnten meine Eltern im Südosten von Anatolien. Der Name meines Vaters ist Salih, was tugendhaft heißt und auf ihn zutrifft. Er weiß, was sich gehört. Er ist bescheiden und betrügt nicht. Niemanden. Nicht einmal seine Feinde. Er hatte einen lebenslangen Freund, den Aslan, der war übermütig, der schlug über die Stränge und nahm es mit der Wahrheit nicht so genau. Es gebe große Wahrheiten und kleine, sagte er immer. Lüge gibt es nur bei den großen. Diesem Freund gelang es, meinen schüchternen Vater, der gerade siebzehn geworden war, zur Ausreise  aus der Türkei bewegen. Sie sagten ihren Eltern, in einem Monat kämen sie wieder zurück. Nur schauen. Zurückkamen sie nach zehn Jahren, da gab es mich schon und meinen Zwilling, der gar nicht mein Zwilling war. Er bekam den Namen Amir, der so viel bedeutet wie Prinz oder Anführer.

Aslan, der lebenslange Freund meines Vaters, flirtete, kaum dass er eine hübsche Frau sah. Halbwegs hübsch genüge ihm. Er stachelte meinen schüchternen Vater an, es ihm gleichzutun. Mein Vater war ein treues Brot. Auch das kommt von Aslan. In Hamburg fanden sie Arbeit als Maurer. Mein Vater arbeitete doppelt so viel wie sein Freund, er wollte auf eine Wohnung sparen, das Zimmer, in dem die beiden untergebracht waren, hatte keine Heizung. In einer kalten Wohnung konnte er keine Frau führen. Und schon gar nicht verführen, sagte Aslan. Der wusste Bescheid. Frauen frieren leicht, ohne Kleider unter einer kalten Bettdecke schon überhaupt, dann öffnen sich die Frauen nicht. Alle liebten Aslan, er redete jedem nach dem Mund, er war ein Schmeichler, aber ein Kriecher war er nicht. Der Baustellenleiter hätte gern so einen Sohn gehabt.

 Der Baustellenleiter war sehr zufrieden. Mit Aslan sehr, mit meinem Vater noch mehr. Seine Tochter brachte Aslan manchmal eine Jause. Sie sah seine breiten Schultern, drehte sich, schaute auf sein Gesicht, und um sich bemerkbar zu machen, klopfte sie mit einem Stock auf die Leiter. Sie war halbwegs hübsch. Aslan pfiff ihr zu und nach, und sie winkte ihm im Weggehen. Sie schaute ihn an und winkte und winkte noch, als sie sich zum Gehen umdrehte. So wurde erzählt. Ein Flirt wurde daraus, und bald führte Aslan das Mädchen zum Tanzen aus.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.