Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Kommentar: Eine unendliche Geschichte der Gewalt

VN / 03.08.2026 • 17:28 Uhr

Und wieder ein berühmter Mann mit Geld und Sozialprestige, der sich mit Vorwürfen sexuellen Missbrauchs konfrontiert sieht. Oscar-Preisträger Jared Leto soll nach den Recherchen der vergangene Woche ausgestrahlten BBC-Dokumentation „Jared Leto: Hollywood’s Dark Secret“ über viele Jahre hinweg Minderjährige bedrängt und belästigt haben. „Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie jemanden sexuell missbraucht. Diese Behauptungen sind absolut und kategorisch falsch“, liess Jared Leto daraufhin der Öffentlichkeit mitteilen.

Laut den Aussagen der jungen Frauen handelt es sich um Übergriffe im Zeitraum von 2002 bis 2016. Der Sender konnte Bilder und Nachrichten aus der Zeit einsehen und im Umfeld der Betroffenen recherchieren. Zehn Fälle hat die BBC für die Dokumentation aufgerollt, mehr als 120 ähnlich gelagerte Vorwürfe gegen Leto habe man laut Angaben gezählt. Der 54-jährige Schauspieler und Musiker der Rockband „Thirty Seconds to Mars“ soll etwa eine damals 17-Jährige in einem Motelbadezimmer missbraucht haben. Die junge Frau habe sich geweigert, eine vorgesehene Geheimhaltungsvereinbarung zu unterzeichnen. Dazu gehört großer Mut, wenn wir an das Machtgefälle zwischen einem Hollywoodstar und einem Mädchen denken.

Gesichter der Gewalt

Bei allem Entsetzen über mutmaßliche Täter sollte man zuallererst daran denken, wie man Menschen davor bewahren kann, zu Opfern von Missbrauch und Gewalt zu werden; und die Opfer unterstützen, wenn sie ihre Geschichte erzählen. Es geht um einen ungeschönten Blick auf unsere Gesellschaften, in denen Macht nach wie vor ungleich verteilt ist und Frauenverachtung leider zu oft einfach hingenommen wird. Gewalt hat viele Gesichter. Es ist nicht nur der übergriffige Star, der seine jugendlichen Fans ausnutzt, der finstere Mann, der am nächtlichen Heimweg lauert oder der Fremde, der im Lokal K.-o.-Tropfen ins Glas leert. Da ist auch der Vorgesetzte, der seine Macht ausnutzt oder der Partner, der seine Aggressionen nicht im Griff hat.

Laut Gewaltschutz-Expertinnen und -Experten verbindet allerdings viele dieser Männer, dass sie nicht gelernt haben, ihre Gefühle auszudrücken und Konflikte ohne Gewalt zu lösen. Sie sind gefangen in patriarchalischen Vorstellungen. Daher sind all die Männer ohne Frauenproblem besonders wichtige Verbündete im Kampf gegen die Gewalt. Um gemeinsam endlich eine Atmosphäre zu schaffen, in der Täter es nicht mehr wagen, Frauen zu misshandeln; in der sich kein Opfer von Machtmissbrauch und Übergriffen schämt und meint, sich dem großen Schweigen unterwerfen zu müssen. Sondern von der Welt gesehen und gehört wird.

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.