Kolumne: Das sah aber vorher besser aus

Ohne Listen wäre ich verloren. Ich habe in meinem Computer einen Listen-Ordner: Packlisten, Stadt/Land-Hinundherfahrlisten, Einkaufslisten für jeden Lebensbereich, Songlisten für Tanzpartys, Listen mit möglichen Geschenken, Listen mit Menüs für Einladungen. Neuerdings führe ich eine Liste von Dingen, die ich früher in meinem Leben schon mal gewusst und wieder vergessen habe, nur um dann auf das Schon-mal-Gewusste mit großem Enthusiasmus von Neuem draufzukommen. Die Liste soll diese Spirale unterbrechen, damit ich nicht wieder für ein Problem acht scheiternde Lösungsmöglichkeiten durchzuprobieren brauche, bevor mir bei der neunten schleichend bewusst wird, dass ich hier schon einmal war.
Ich besitze einen wunderschönen alten, dunkelbraunen Eichentisch, der jahrzehnte-, der Patina nach jahrhundertelang in einem Wirtshaus in einem nahe gelegenen Wallfahrtsort gestanden hatte. Natürlich habe ich den Tisch gleich geputzt, nachdem ihn der Altwarenhändler meines Vertrauens geliefert hatte, sauber genug, wie ich fand.
Dann geriet ich im Winter auf Instagram irgendwie in die virtuellen Fänge einer Brigade fleißiger Putzmaries, die die Welt mit Backpulver, Essig und Soda blitzblank machen; das kitzelte die Vorarlbergerin in mir wach.
Doris Knecht
Dann geriet ich im Winter auf Instagram irgendwie in die virtuellen Fänge einer Brigade fleißiger Putzmaries, die die Welt mit Backpulver, Essig und Soda blitzblank machen; das kitzelte die Vorarlbergerin in mir wach, und die ließ sich überzeugen, den Tisch einmal ordentlich mit Soda abzuschrubben. Und, Mamma mia, da ging zünftig Dreck herunter; ich muss sagen, ich hab mich danach ein bisschen geniert, weil ich an diesem Tisch in den letzten zwölf Jahren wirklich viele Freundinnen und Freunde bewirtet habe. Nach der Intensivreinigung war der Tisch nicht wiederzuerkennen, und einerseits war ich sehr stolz auf mein sauberes Werk, aber andererseits musste ich auch sagen: Der Tisch sah vorher irgendwie besser aus. Gesünder, lebendiger. Jetzt war er zwar hygienisch und hell, aber auch stumpf und ausgetrocknet; ich hatte ihm irgendwie alles Leben aus dem Tisch herausgeputzt.
Um dem Tisch wieder etwas Farbe ins Gesicht zu zaubern, trug ich mit einem weichen Lappen Bienenwachs auf, ich labte ihn mit flüssigem Wachs, ich tränkte ihn mit einer guten Holzpolitur, und jedes Mal sah es erst superschön aus und nach dem Trocknen wie vorher. Ich gab auf, ich hatte den Tisch ruiniert, tja.
Dann suchte ich einmal etwas völlig anderes und fand eine rostige, halbvolle Dose mit einem Möbelöl, die mich an etwas erinnerte, und während ich den Tisch damit einpinselte, fiel es mir ein: Ich hatte das exakt gleiche Problem schon einmal mit einer totgeputzten Küchenarbeitsplatte gehabt und es dann, nach den gleichen zahllosen Prozeduren, mit diesem Öl gelöst.
Meine Liste ist jetzt um einen Posten länger, und mein schöner Tisch ist wieder wie alt, gottlob.