Das schwere Schicksal einer gelähmten Schneidermeisterin

VN / 16.10.2026 • 14:05 Uhr
Das schwere Schicksal einer gelähmten Schneidermeisterin
Ilone und ihr Lebensgefährte Christian neben einer detailgetreuen Nachbildung eines Droiden aus der Serie “Star Wars”. Eckert

Nach der Operation gelähmt: Nun ist Ilone Zdesar (57) gezwungen, an mehreren Fronten gleichzeitig zu kämpfen.

Lustenau 34 Jahre lang war die Lustenauerin gelernte Schneidermeisterin und für sämtliche Damenkostüme des St. Galler Theaters zuständig. Ob Theater, Musical oder Oper. “Grease, Evita oder Hoffmanns Erzählungen, Ilone hat einfach alles genäht”, erinnert sich ihr Lebensgefährte Christian Karnitschnik. “Auch den Schmuck habe ich selbst gemacht”, ergänzt sie selbst und zeigt schmunzelnd die Fotos. Doch das war einmal. Seit einer missglückten Wirbelsäulenoperation im Jahr 2024 ist sie querschnittgelähmt, niemand will schuld sein, und folglich will auch keiner zahlen. “Versicherung gegen Versicherung”, ist die 58-Jährige immer noch kampfbereit, aber der Streit zehrt.

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Alles zu viel

“Allmählich wird es ein bisschen viel”, so die körperlich stark Beeinträchtigte, die im zweiten Obergeschoss wohnt. Diese Wohnung muss sie nun, durch die Umstände bedingt, schleunigst verkaufen. Querschnittlähmung nach der missglückten Operation. Das bedeutet, rumpfabwärts gelähmt. Dazu kommen Inkontinenz und die plötzliche Konfrontation mit Hilflosigkeit. Das Immunsystem ist schwach, zu Coronazeiten kämpfte die Frau neun Monate mit Lungenentzündung. Nach einem Sturz in der Dusche war das Bein gebrochen. Es gab Komplikationen durch einen Virus, der Unterschenkel musste amputiert werden. Wieder ein Rattenschwanz an gesundheitlichen Problemen. “Nachts leide ich oft an Zuckungen, sodass ich nicht schlafen kann, dazu Schmerzen im Rücken und Bauch”, erzählt die Gepeinigte.

300.000 Euro Schulden

Versicherungsrecht, Beschäftigung in der Schweiz, Privatversicherung – das alles verkompliziert die Situation. 30.000 Euro hat das Paar allein in Hilfsmittel wie Patientenlift oder Treppenraupe investiert. An die 20.000 Euro mussten sie aus eigener Tasche bezahlen. “Gerade hatten wir unsere Schulden abbezahlt, nun sind es wieder 300.000 Euro, die durch die neue Wohnung entstanden sind”, so Ilone. Auf die Frage, was sie am meisten ärgert, antwortet sie: “Dass niemand die Verantwortung für die schiefgelaufene Wirbelsäulenbehandlung übernimmt und dass der Papierkram mit unzähligen Formularen niemals zu enden scheint”. Auch ihr Anwalt Daniel Wolf zitiert einen involvierten Sachverständigen: “In Wien wäre das nicht passiert, nach Bemerken des Fehlers hätte man innerhalb von 20 Minuten korrigierend operieren können, und es wäre nicht zu der Querschnittlähmung gekommen. Bei der Patientin sind einfach zu viele Stunden bis zur Not-OP vergangen”.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Das Lustenauer Paar kritisiert, dass bei Anfragen oft entweder keine oder eine stark verspätete Antwort von Kassen oder Versicherungen kommt. Nach langem Ringen wurde Pflegestufe fünf genehmigt. Die beiden geben dennoch nicht auf. Doch Ilone freut sich auf die bevorstehende Reha. Im November bekommt sie eine behindertengerechte Wohnung direkt im Lustenauer Ortszentrum. “Dann kann ich selbständig auf die Post, auf die Bank, einkaufen”, winkt eine barrierefreie Zukunft.

Das schwere Schicksal einer gelähmten Schneidermeisterin
Das aufwendige Kostüm aus “Hoffmanns Erzählungen” führte Ilone einst selbst vor. Eckert

Derzeit puzzelt sie, häkelt oder teilt mit ihrem Partner die Passion für Fantasiekostüme. “Cosplay”, zusammengesetzt aus Costume (Kostüm) und Play (Spiel), also Kostümspiel, umschreibt “grob gesagt”, wie die beiden betonen, ihr Hobby. Dabei legen sie Wert darauf, dass ihre Figuren genau den strengen Vorgaben der Filmindustrie entsprechen. Ilones Freund druckt mit seinem 3D-Drucker die einzelnen Kunststoffteile und setzt anschließend Krieger, Bösewichte und bis zu zwei Meter große Kampfmaschinen zusammen. Bleibt zu hoffen, dass sich Kraft und Magie der Figuren auch auf das schwer geprüfte Paar übertragen.