„Die Lawine ist wie eine Tsunamiwelle auf uns zugerast“

Lawine reißt im Jänner in Stuben Mitglieder einer Tourengruppe mit. Kursleiter zieht klare Lehren und fordert Konsequenzen.
Bregenz, Stuben Ein Begleiter ruft noch: „Lawine!“ Kursleiter Martin Bentele (70) blickt nach oben – doch es gibt keinen Ausweg. „Sie ist wie eine Tsunamiwelle auf uns zugerast. Ich habe noch versucht, mich in Fahrtrichtung zu drehen. Dann hat es uns schon erwischt“, erinnert sich der Bregenzer.

Das Schneebrett reißt ihn und eine Kursteilnehmerin mit und schleudert beide über Felsen rund 80 Meter in die Tiefe. Eine weitere Kursteilnehmerin, die den beiden mit einem Sicherheitsabstand von 40 Metern gefolgt ist, wird teilverschüttet. Das Verfahren gegen den Kursleiter wurde mittlerweile eingestellt. Der Sachverständige hat festgestellt, dass das Schneebrett „mit höchster Wahrscheinlichkeit“ durch Dritte ausgelöst wurde. Für Martin Bentele ist das Thema deswegen noch lange nicht abgeschlossen. Er zieht aus dem Unglück klare Lehren und fordert Konsequenzen.

Es ist der 31. Jänner 2026, der vierte Tag eines Skitouren-Aufbaukurses der Naturfreunde Vorarlberg. Es herrscht Lawinenwarnstufe 3. Die fünfköpfige Gruppe trifft sich um 7 Uhr in Stuben, um die bevorstehende Tour zu besprechen. Das Ziel: die Maroiköpfe. Bevor sie den über 30 Grad steilen Hang erreichen, beraten die Tourengeher erneut. Schneedünen, Wechten und Wumm-Geräusche sind Alarmzeichen.

„Wir haben einen Lawinenabgang als sehr unwahrscheinlich eingeschätzt, sind aber dennoch vorsichtshalber mit großen Sicherheitsabständen gelaufen. Meine Hauptsorge war eigentlich der Hang davor. Wir sind daher am Rand gegangen, 20 Meter weg von der Druckzone“, schildert Martin Bentele. Als er und die Kursteilnehmerin, die zu diesem Zeitpunkt die Gruppe anführt, gegen 13 Uhr die Rampe hinaufsteigen, nimmt das Unglück seinen Lauf.

Berechnungen zufolge rasen die Schneemassen mit 56 km/h auf die Tourengeher zu. Der Abriss ist 45 Meter breit und drei Meter hoch. Martin Bentele schlägt mit der rechten Seite auf einem Felsen auf und fliegt dann gefühlt eine halbe Ewigkeit durch die Luft. „Es war, wie wenn du von einem Turm ins Wasser springst. Die, die uns gesehen haben, haben gesagt, es hat uns überschlagend runtergeschmissen.“

Als die Lawine zum Stillstand kommt, liegt der pensionierte Sozialarbeiter rücklings im Schnee. Mit einer Hand kann er sein Gesicht vom Schnee befreien und ein Signal geben. Rechts neben sich hört er mehrfach ein Geräusch. Es sind die Rufe der ebenfalls verschütteten Kursteilnehmerin. Sie liegt zwei Meter neben ihm, rund einen Meter tief unter dem Schnee. Mehrere Helfer auch anderer Gruppen tauchen auf. Bentele macht sie auf die Verschüttete aufmerksam. Es herrscht Hektik, vieles läuft nicht nach Lehrplan. Die Sonde fehlt zunächst, der Umgang mit dem LVS-Gerät (Lawinenverschüttetensuchgerät) und der Schaufel sitzt nicht richtig. Doch nach etwa zehn Minuten ist der Kopf der Frau freigelegt. Sie ist bewusstlos, beginnt aber sofort wieder selbstständig zu atmen.

Martin Bentele erleidet vier Beckenbrüche, einen offenen Ellenbruch, eine Schleimbeutelverletzung am Knie, massive Prellungen, Kälte- und Nervenschädigungen an allen Fingern sowie Sehnenverletzungen an der Schulter. Eine Teilnehmerin kommt neben dem psychischen Trauma mit einer Rissquetschwunde am Kopf, Gehirnerschütterung und einem verrenkten Knie davon, die dritte Verschüttete mit Zerrungen.

Nach dem Unfall tauscht sich die Gruppe mehrfach aus, holt sich psychologische Unterstützung, trifft sich zu einem Reflexionstag und besucht im Sommer noch einmal den Unglücksort, zählt Bentele auf. Der Satz, der der verschütteten Kursteilnehmerin durch den Kopf geht, bevor sie ohnmächtig wird, ist für ihn zum Kern der Aufarbeitung geworden. „Ich muss jetzt darauf vertrauen, dass die da draußen uns ausgraben.“ Der Tourguide unterstreicht: „Diesen Satz müsste man in alle Gehirne reinhämmern. Jedem von uns könnte es ähnlich gehen. Wir vertrauen im letzten Atemzug drauf, dass die da draußen ausgebildet, organisiert und kompetent sind, uns zu finden und auszugraben. Die Leute, mit denen ich unterwegs bin, retten mir in aller Regel das Leben.“

Bentele fordert unter anderem deutliche Warnhinweise auf LVS-Geräten. Das Gerät allein reiche nicht. Man müsse den Umgang mit der Ausrüstung auch trainieren, sagt er. Eine weitere Lehre betrifft den Notruf. Er berichtet: Die Teilnehmerin, die Alarm schlug, war zunächst blockiert und musste länger nach der Notrufnummer suchen, wurde von der Notrufzentrale zur Rettungs- und Feuerwehrleitstelle weitergeleitet, hing in der Warteschleife und musste den Unfall am Ende zweimal schildern.

Der Kursleiter fordert daher eine einheitliche Notrufnummer und eine Einsatzzentrale, bei der alle Notrufe eingehen. „Jede Minute ist entscheidend, ob Leute überleben oder schwere oder weniger schwere Schäden haben. Wenn ich nachdenken muss, welche Nummer ich wählen muss, ist das schon falsch“, appelliert er an die Verantwortlichen. Auch intern wurden Schlussfolgerungen gezogen. Zum Sicherheitscheck vor dem Tourenbeginn gehört für ihn ab sofort auch ein Check am Handy, welche Notrufnummer in diesem Gebiet die beste ist und wo ich sie gespeichert habe.

Der Gutachter hat den Unfall als „Restrisiko und großes Pech“ eingestuft. Bei der Abrisskante wurden Abfahrts- und Aufstiegsspuren entdeckt. Gemeldet hat sich trotz Zeugenaufrufs der Polizei niemand. „Wahrscheinlich hat eine Person beim Abschwingen den Wechtenbruch bewirkt“, vermutet Martin Bentele, der seit über 40 Jahren Menschen in die Berge führt und das auch weiterhin tun will. „Wir sind eine Gefahrengemeinschaft, ob man es will oder nicht. Wir gehen ein Restrisiko ein und müssen uns gemeinsam bemühen, die Risiken richtig einzuschätzen, uns danach zu verhalten und, wenn sie eintreten, kompetent zu handeln und die Folgen auch gemeinsam zu bearbeiten“, hält er fest.