Kolumne: Jetzt außer, die Situation erfordert es

VN / 02.11.2026 • 11:31 Uhr
Kolumne: Jetzt außer, die Situation erfordert es

In dieser Kolumne mag es manchmal so wirken, als sei ich kein sonderlich politischer Mensch. Als würden mich nur Tomaten interessieren, Familie und Freundinnen, der Hund, das Holz, der Wald. Das ist nicht so, ich will nur meine politische Meinung nicht immer und überall jedem unter die Nase reiben. Jetzt außer natürlich, die Situation erfordert es, dann grüß Gott. Aber weil die Welt eh gerade so verstritten und kaputt ist, dachte ich, das sollte hier eher ein friedlicher, freundlicher Ort sein, eine Oase unkomplizierter, einfacher Freuden.

Im Moment verspeise ich gerade die Halloween-Süßigkeiten, die die Kinder aus dem Ort nicht aus dem Kübel gefischt haben, den ich an mein Gartentor gehängt habe, und bin nervös.

Doris Knecht

Auch in meinem privaten Kreis, wenn wir Freundinnen und Freunde unter uns sind, haben wir es uns weitgehend abgewöhnt, über Politik zu schimpfen oder uns ideologisch zu missionieren. Na ja, okay, das Patriarchat ist unter uns Frauen schon ein Thema, bei dem wir verlässlich laut werden und nicht mit Kraftausdrücken sparen. Aber sonst reden wir vor allem übers Essen, über unsere Kinder, unsere Haustiere und unsere Gärten, über unsere Gesundheit, welche Serien wir gerade schauen und ob wir bei der Energiegemeinschaft in unserem Ort mitmachen. Und wenn das nichts mehr hergibt, tratschen wir über Freunde, die gerade nicht da sind, und alle sind halbwegs happy damit.

Im Moment verspeise ich gerade die Halloween-Süßigkeiten, die die Kinder aus dem Ort nicht aus dem Kübel gefischt haben, den ich an mein Gartentor gehängt habe. Und frage mich, was das für Menschen sind, die Nadeln und Nägel in Halloween-Süßigkeiten verstecken, in der Absicht, kleinen Kindern wehzutun und sie schwer zu verletzen. Offenbar ist so was nicht einmal passiert, sondern an vielen Orten, auch in Österreich. Gleichzeitig bin ich supernervös wegen der Midterm-Wahlen in den USA, die heute entschieden werden – die beiden Dinge haben, denke ich, viel miteinander zu tun.

Denn der jetzige US-Präsident hat die Verrohung zum Programm gemacht. Wie seine Truppe eine Form von moderner Barbarei propagiert und normalisiert, das hat man in zivilisierten westlichen Gesellschaften so bisher noch nicht gesehen. (Wer will eine Hinrichtung live im Netz übertragen? Barbaren und Diktatoren.) Und das Internet sorgt dafür, dass alle, wirklich alle es sehen können: Man soll sich daran gewöhnen, man soll anfangen, es normal zu finden.

Deshalb bin ich so nervös. Deshalb hoffe ich wie viele, dass die Midterm-Wahlen so ausgehen, dass das vom US-Präsidenten installierte System endlich ein effizientes Korrektiv bekommt, das diese neue Normalität massiv infrage stellt. Man soll wieder sagen können: Nein, das ist nicht okay so! Und das darf es auch niemals werden. Kleinen Kindern absichtlich wehzutun, zum Beispiel.

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.